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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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2 Mark.A Poſtzeitungskatalog Nr. 1892, O T g A n für

Deutſcher Merkur.

katholiſche Reformbewegung.

16. April 1898.

Redaſttion: München. Jungfernthurmſtraße 2. Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn.

Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81.

Inhalt. Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen. Der Ultramontanismus. Sein Weſen und ſeine Be⸗ kämpfung. Friedensglocken zum Apoſtolikum II. Korreſpondenzen und Berichte: München(Die Ziele des Ultramontanismus in Deutſchland; zum Vorgehen des Evang. Bundes, btr. die ſeparate Kaiſerfeier in Rom). Berlin(Die römiſche Kirche in ihrer Thätigkeit). Kattowitz(ein Reliquienfund). Schweiz(Schenkung; Firmung in Baſel; ultramontane Umtriebe). Aus Holland(Altkatholiſches aus Egmond aan Zee und Inſel Nordſtrand). Italien(Evangeliſche Kirche Italiens). Spanien(religiöſe Unduldſamkeit). Griechenland(Prof. Kyriakos über den Wiener Kongreß). Litteratur(Die Lehren des Syllabus).

Die Vernichtung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen*)

DasMainzer Journal hat in Nr. 303 vom 29. Dez. vor. Js. in echt jeſuitiſcher Weiſe auf mein heutiges Vor⸗ tragsthema aufmerkſam gemacht und mit geiſtreich ſein ſollendem Humor die Hoffnung ausgeſprochen, ich möchte mich der Röntgenſtrahlen bedienen, damit ich mir nicht den Vorwurf zuziehe, ich ſei nur von einemIrrlicht verblendet geweſen. Nun, der Röntgenſtrahlen bedarf ich nicht: die Heroſtrats⸗ arbeit ſamt den Triebfedern dazu liegen ſo offen vor mir da, daß ich nur zu kopieren brauche. Uebrigens hätte ſich das Blatt des alten Sprichworts erinnern ſollen, daß man im Hauſe des Gehängten nicht vom Stricke reden ſoll. Leute, veren oberſter, mit göttichen Prärogariven ausgeſtäulerer Herr und Führer ſich durch ganze 12 Jahre hindurch von dem Irrlicht Leo Taxil durch alle Sümpfe mittelalterlicher Teu⸗ feleien ziehen läßt, ſollten ſo vorſichtig ſein, das Wort Irr⸗ licht gar nicht in den Mund zu nehmen. Was wir an Irrlichteln in der ultramontan gewordenen Religionsgeſellſchaft miterleben mußten, iſt ſo unglaublich und maſſenhaft, daß nur eine Gemeinſchaft darunter nicht zuſammenbrechen konnte, die es verſtanden hat, die mächtigſte Oppoſitionspartei im Reichstage zuſtande zu bringen, um die ſich die übrigen kleinen Kläffer ſcharen und dadurch zu einiger Bedeutung gelangen konnten. Hyperliberale, Proteſtler, Polacken, Welfen und Sozialiſten ſind tagtäglich an der Arbeit, daß ihr Schutz und Schirm, der Zentrumsturm, der allein ihnen Leben und Daſein verbürgt, keinen Schaden nehme. Ein Blick auf das Frankreich der letzten Wochen ſollte allerdings dieſe Leute belehren, daß ſie fremde Arbeit verrichten.

Wenn uns dasMainzer Journal unterſtellt, wir hätten mit der Beſprechung unſeres Themas einZugſtück einlegen, oder ich habe damit meine Toleranz erweiſen wollen, und ſchließlich der Vermutung Raum gibt, ich möchte in engerem Kreiſe manches reden, was ich weiteren Kreiſen zu verbergen Urſache hätte, ſo bemerke ich zunächſt zu dem aus der Theaterwelt herübergenommenen WortZugſtück, daß wir das Schauſpielen den profeſſionsmäßigen Schauſpielern überlaſſen; ich aber hielt es für eine Ehrenpflicht, den edlen, frommen und wahrhaft katholiſchen Männern, mit denen ich das Glück hatte, noch in den letzten Jahren ihres Lebens zu verkehren, und die immer nur mit tiefer Wehmut daran denken konnten, daß ſie aus ihrem Berufe, der das Glück ihres Lebens geweſen war, ſo ſchmählich herausgeriſſen wurden, ein Wort der Erinnerung zu weihen, und der heutigen Ge⸗ neration, die kaum mehr eine Ahnung hat, daß mit der

**) Ein dunkles Blatt in der neuern heſſiſchen Geſchichte. Vortrag im evangel. Männerverein, 16. März 1898.

Gießener Univerſität bis zur Mitte unſeres Jahrhunderts eine blühende katholiſch-theologiſche Fakultät verbunden war, an einem nahe gelegenen Beiſpiel zu zeigen, wie man den gottvergeſſenen, unſer engeres und weiteres Vaterland aufs tiefſte ſchädigenden Ultramontanismus bei uns eingeſchmuggelt hat. Wenn dasMainzer Journal glaubt, mich mit dem WorteToleranz hänſeln zu können, ſo ſpricht es da von einer der herrlichſten chriſtlichen Tugenden, welche der Hei⸗ land bei den verſchiedenſten Anläſſen in den mannigfaltigſten Wendungen den Seinen ans Herz gelegt hat, von welcher jedoch ein ultramontaner Zeitungsſchreiber gerade ſo viel verſteht, wie die alten Phariſäer. Sie verſtehen es nicht, wenn ich ihnen ſage, daß es mich immer tief ergriffen hat, wenn ich an einem in proteſtantiſchem Gotteshauſe aufgerich⸗ l ko.holiſchen Altur ſungierle, weil mich bas Gefuhl uber⸗ mannte:Es gibt in dieſer Stunde weit und breit keinen heiligeren Ort, als dieſes proteſtantiſche Gotteshaus, in dem die Liebe Chriſti ihren Thron aufgeſchlagen hat. Als wir darum in der von mir paſtorierten Gemeinde Heßloch eine altkatholiſche Kirche erbaut hatten, luden wir den evangeliſchen Pfarrer von Dittelsheim, deſſen Pfarrkirche uns 16 Jahre hindurch Unterſtand geboten hatte, ein, nach Bedarf von un⸗ ſerer neuen Kirche Gebrauch zu machen, weil wir glaubten, daß dieſer gemeinſame Gebrauch der Chriſtuskirche erſt die rechte Weihe verleihe. Ich weiß es, weil ich es ſelbſt erlebt habe, daß man mit Millionen Chriſten ſich in Glaube und Liebe verbunden fühlen kann, ohne eines unfehlbaren Ober⸗ prieſters zu benötigen. Es iſt nach meiner innerſten und tiefften Ueberzeugung ein furchtbares, an der Menſchheit be⸗ gangenes Verbrechen, ſie glauben gemacht zu haben, der Chriſt bedürfe eines Menſchen oder gar eines zu Rom thro⸗ nenden Prieſters, um ſelig zu werden.

Zum Schluß erkläre ich noch den römiſchen Vorpoſten in Germanien, daß es mit zum Glück meines Lebens gehört, Leuten von ihrer Qualität die ganze und volle Wahrheit ſagen zu können Alſo wird es an mir nicht liegen, wenn ſie nicht in den Beſitz des vollen Wortlautes meines heutigen Vor⸗ trags kommen.

Indem ich nun endlich daran gehe, auf das vorgeſteckte Ziel loszuſteuern, kann ich nicht umhin, den päpſtlichen Fahnen⸗ trägern für Wahrheit, Freiheit, Recht die tröſtliche Ver⸗ ſicherung zu geben, daß auch ich der Ueberzeugung geworden bin, daß eine römiſch⸗katholiſche theologiſche Fakultät in den Verband weder der Gießener noch irgend einer wirklichen Univerſität gehört; denn die Aufgabe der Univerſität iſt die Pflege der Wiſſenſchaft, alſo die Aufgabe der theologiſchen Fakultät das Forſchen nach ewiger Wahrheit. Hat nun eine Kirchengemeinſchaft das Glück, den unfehlbaren Statthalter Chriſti in ihrer Mitte zu haben, der alle Wahr⸗

heit im Schreine ſeiner Bruſt trägt, dann iſt eine ſolche