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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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Fakultät doch ein recht unnützes, überflüſſiges und koſtſpie⸗ liges Inſtitut. Wie man ſich ſeit dem Vatikanum ja in Deutſchland faſt überall daran gewöhnt hat, fragt man in zweifelhaften Glaubens- und Gewiſſensangelegenheiten beim heiligſten Vater an und die klare Antwort fehlt nie. Dieſe Orakelſprüche zu regiſtrieren und die prieſterliche Jugend darauf einzudrillen, dazu bedarſ's nicht der ohnehin verdäch⸗ tigen humaniſtiſchen Bildung, und man kommt auch ſo an denhochmütigen Profeſſoren vorüber, die heute gerade noch ſo wie im Mittelalter erklären, ſie könnten nicht exi ſtieren ohne die a kademiſche Freiheit; die Wiſſenſchaft ſei durch die Freiheit bedingt. Aber gerade dieſe Freiheit der Wiſſenſchaft hat der unfehlbare Papſt als Irrtum und Gottloſigkeit verdammt. Iſt nun auch ſein Fluch den mo⸗ dernen ſtaatlichen Univerſitäten gegenüber wirkungslos, ſo gilt es hentzutage doch ſelbſt proteſtantiſchen Regierungen als ſo ziemlich ſelbſtverſtändlich, daß die römiſch⸗katholiſche Fakultät unmittelbar unter dem Einfluß der päpſtlichen Hier⸗ archie zu ſtehen habe, was nach der Meinung der gewöhn⸗ lichen Menſchenkinder völlige Unfreiheit bedeutet, nach dem Jargon des Ultramontanismus freilich die alleinige wahre Freiheit genannt zu werden verdient. Eine römiſch⸗katholiſche theologiſche Fakultät in den Rahmen einer modernen Hoch⸗ ſchule bringen zu wollen, iſt demnach ein Unding.

Die Großherzöge Ludwig J. und Ludwig II., denen in edler Begeiſterung für das religiös-ſittliche Wohl ihrer katho⸗ liſchen Unterthanen kein Opfer zu groß ſchien, Biſchof Burg von Mainz, ſowie ſein Nachfolger Leopold Kaiſer, die ihre ganze Liebe und Fürſorge der Gießener katholiſch⸗theologiſchen Fakultät zuwandten, konnten natürlich ihre Liebe, Begeiſterung und Fürſorge nur einer katholiſch⸗-theologiſchen Fakultät zuwenden; eine römiſch⸗-fatholiſche, vatikaniſche Kirche mit einem unfehlbaren Univerſalbiſchofe und abſoluten Herrn und Gebieter an der Spitze kannte man damals noch nicht in Deutſchland. Das aber iſt das Tragiſche bei der Grüff⸗ dung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen, daß man in Deutſchland damals noch durchaus an die alte katho⸗ liſche Kirche glaubte, während die Päpſte Pius VII. und Leo XII., die bei der Gründung der Fakultät Gießen mit in Frage kamen, bereits eine neukatholiſche, vatikaniſche planten. Waren ja beide bereits wieder in den Händen der Jeſuiten. Dieſer Konflikt zwiſchen der alten und neuen Kirche, der ſchon bei der Gründung der Fakultät vorhanden war, brachte letztere ſchließlich zum Fall.

(Fortſetzung folgt.)

Der Ultramontanismus. Sein Weſen und ſeine Bekümpfung. Paul v. HoensbroechDer Ultramonta⸗ ſein Weſen und ſeine Bekämpfung(ſ. D. M. 1897, 48) iſt ſoeben in zweiter, vermehrter und verbeſſerter Berlin, Verlag von Herm. Walther) erſchienen. nach zehn Wochen war die erſte ſtarke Auflage ver⸗ griffen. Mit Recht ſieht der Verfaſſer in dieſem Erfolge einen Beweis für das große Intereſſe, das weiteſte Kreiſe an dem Gegenſtand nehmen. Daß auch wir, die wir ſeit einer ſtattlichen Reihe von Jahren im Kampfe wider den Ultramontanismus ſtehen, an allen antiultramontanen Be⸗ ſtrebungen großes, ſogar ſehr großes Intereſſe und infolge deſſen auch allen Grund haben, an die Prüfung mit größtem Ernſte und größter Gewiſſenhaftigkeit heranzutreten, iſt geradezu ſelbſtverſtändlich. Unſer großes Intereſſe für das Hoensbroechſche Buch haben wir doch ohne Zweifel ſchon dadurch bewieſen, daß wir ihm in drei Abteilungen durch vier Num⸗ mern desMerkur eine Beſprechung gewidmet haben. Ob⸗ wohl wir nun in derſelben die Hoensbroechſche Darſtellung des Ultramontanismus ſelbſt und ſeiner großen Bedeutung für Staat und Geſellſchaft, Religion und Kultur beſtens an⸗

Des Grafen nismus, Nr. 45 A ufl age Schon

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erkannt und das Buch zum Schluß allen Patrioten warm empfohlen haben, wußten wir freilich auch im voraus, daß der Herr Verfaſſer mit den weiteren Ausführungen nicht zu frieden ſein werde; aber daß er unſere gegenteiligen Anſchau⸗ ungen mit einer bloßen gröblichen Beleidigung abfertigen werde, das haben wir doch nicht, um ſeiner ſelbſt willen nicht, erwartet.

Wir konnten nämlich und wir können noch jetzt nicht auf die vom Grafen v. Hoensbroech vorgeſchlagenen Kampf⸗ mittel ſchwören und zwar deshalb nicht, weil bei den einmal beſtehenden und für praktiſche Fragen in Rechnung zu zieh⸗ enden ſtaatlichen Verhältniſſen, und ſo lange dieſe Verhält niſſe fortbeſtehen, auch nicht die geringſte Ausſicht da iſt, daß das von Hoensbroech vorangeſtellte Hauptmittel Hoff⸗ nung auf Verwendung hat. Es ſetzt Menſchen und Zeit⸗ lagen voraus, die im modernen Geiſte nicht bloß denken, ſondern auch handeln, und dieſer Geiſt im religiöſen wie im patriotiſchen Sinne muß zunächſt in den Menſchen geweckt und wieder lebendig werden, in welche heute der Ultramon⸗ tanismus ſeine breiteſten Spuren einerſeits des Indifferen⸗ tismus, anderſeits des Fanatismus gegraben hat. Wir haben das damals in unſern Artikeln eingehend klar zu legen und nachzuweiſen verſucht. Wie will Hoensbroech in ſeiner Weiſe. die Wurzel des Ultramontanismus durchſchneiden, ſolange er beiſpielsweiſe Verhältniſſen gegenüberſteht, wie ſie bei der ultramontanen Kaiſerfeier zu Rom zu tage getreten ſind? Hoensbroech freilich ſieht darin das höchſte Lob für ſein Buch, daß esim ſchärfſten Gegenſatz zu den wirklichen Verhält⸗ niſſen ſteht. Die Thatſache ſtimmt, aber das Lob verſtehen wir eben nicht. Wer mit Verhältniſſen, die ſich vielleicht ein⸗ mal verwirklichen, gewiſſe Zwecke erreichen will, der zeigt uns wohl ſchöne Zukunftsbilder, aber zwiſchen der Gegenwart und dieſen Zukunftsbildern bleibt eine Kluft beſtehen, die vor allem erſt überbrückt oder eingeebnet werden muß, ehe an die Verwirklichung der ſchönen Zukunftsbilder gegangen werden kann. Ehe die Hoensbroechſche Weiſe der Durchſchneidung der ultramontanen Wurzel Anwendung finden kann, muß in Staat und Geſellſchaft bis zu höchſt hinauf der anti⸗ ultramontane Geiſt und jenes Selbſtbewußtſein groß gewachſen ſein, daß die Stütze der Throne und die Größe der Nationen nicht in der Macht der Hierarchie, ſondern in der Verfaſſung ruht. Nur wenn dieſer Geiſt vorhanden iſt, iſt das Hoens⸗ broechſche Hauptmittel keine bloße Utopie. Im vorliegenden Falle alſo mußte uns Graf v. Hoensbroech zunächſt angeben, wie man an Stelle des Indifferentismus und der Selbſt⸗ ſucht den Geiſt der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, den Geiſt gewiſſenhafter Treue, an Stelle der Wurſtigkeit den ſittlichen Ernſt den Menſchen und vor allem den tonangebenden Men⸗ ſchen anerziehen und wie man in die Regierungen den nötigen neuen Geiſt mit der nötigen Energie zu gießen vermag. Wenn einmal dieſe ſchwere Arbeit gelungen wäre, dann wäre die Durchſchneidung der Wurzel eine leichte Sache.

Eine Löſung der religiöſen Frage in der Gegenwart, ſoweit dabei die römiſch⸗katholiſche Kirche und ihr Ultramon⸗ tanismus in Frage ſteht, iſt nur dann zu erhoffen, wenn man das, was Graf v. Hoensbroech als das unfehlbare Heilmittel hinſtellt, den Folgen der Zeiten überläßt, hingegen mit allen Kräften des Geiſtes und vor allem unter dem Schutz und Schirm des von Chriſtus geſendeten heiligen Geiſtes an der Erkenntnis und Verwirklichung der im in⸗ nerſten Weſen chriſtlichen modernen Staatsidee, insbeſondere wahrer geiſtiger Aufklärung und charaktervoller Selbſtändig⸗ keit durch alle Geſellſchaftsſchichten hindurch arbeitet. Auf die Erziehung des Volkes im Geiſt und in der Wahrheit im Gegenſatz zur ultramontanen Erziehung blinder Unter⸗ werfung von Willen und Urteil darauf kommt es an, denn das würde an ſich ſchon unſerer kranken Zeit wieder auf⸗ helfen, alle die jetzt an Indifferentismus oder Feigheit kran⸗ kenden Katholiken und Nichtkatholiken aufrütteln und ſucceſſive,