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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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aber unaufhaltbar dem ultramontanen Ungeiſte den Nähr boden im Volke entziehen.

In einer auf dem Altkatholikenkongreß zu Mainz(1877) gehaltenen Rede wurde die Aufgabe der Ritter im Geiſte dahin zuſammengefaßt:.... nach beſtem Vermögen dem Strom des Geiſtes die Bahn zu den Herzen und Köpfen der wider willigen Menſchen frei machen; denn ſoll endlich das Werk gelingen, muß der Geiſt ſtrömen in die Zeit, wie der von Herkules abgelenkte Fluß durch den Stall des Augias. Und es muß Geiſt vom Geiſte Gottes ſein, von jenem Schöpfergeiſt, der aus dem Weltenchaos den erſten Schöpfungs⸗ frühling formte, ſoll er Verſtand und Herz erleuchten und erquicken, ſoll er nicht zerſtören und nur neue Schlamm maſſen abſetzen, ſondern befruchtend und reinigend in den Entwicklungsgang des Menſchengeſchlechts eingreifen. Unſer Wirken hat nur dann einen über den Moment und über lokale Beſchränknng hinausreichenden Erfolg, wenn wir ſo arbeiten, daß das Strombad des Geiſtes ahnungslos über die Menſchen kommt, wie durchs geöffnete Fenſter der goldene Morgenſtrahl, der auf den Schläfer fällt und den Schlaf verſcheucht.

Das war der Geiſt, der uns bei unſerer Beſprechung der I. Auflage des Hoensbroechſchen Buches geleitet hatte. Wenn wir eine brüske Abweiſung, die Graf Hoensbroech, ohne daß hiezu eine Notwendigkeit gegeben war, demDeutſchen Merkur in einer Anmerkung(S. 228) widerfahren ließ, eben⸗ falls nicht beſonders freundlich wir geſtehen das gerne zu abgewieſen hatten, ſo waren wir ja dazu abſichtlich herausgefordert worden. Und wenn nun Graf Hoensbroech in der neuen Auflage die urſprüngliche Anmerkung ſtehen läßt und noch hinzufügt:Die Beſprechung, die der Deutſche Merkur' meinem Buche gewidmet hat, iſt derartig durchſetzt von übelwollenden perſönlichen Bemerkungen, daß ein Ein⸗ gehen auf ihre ſachlichen Ausſtellungen unmöglich iſt, ohne das Gebiet des Perſönlichen zu betreten, und das widerſtrebt mir. Für perſönliche Reibereien bei Behandlung grundſätz⸗ licher Fragen fehlt mir jedes Verſtändnis.*) Nur die eine ſachliche Bemerkung muß ich der Kritik desDeutſchen Merkur entgegenſtellen: ſie gibt in verſchiedenen wichtigen Punkten meine Auffaſſung völlig entſtellt wieder.

Wir wollen von der wohlfeilen Art, den perſönlich Be⸗ leidigten zu ſpielen, um ſich von einer Verantwortung weg zuſchrauben, abſehen, denn das iſt des Grafen Hoensbroechs eigene Sache; aber die daran geknüpfteſachliche Be⸗ merkung, die ſachlich nichts als eine beleidigende Unter⸗ ſtellung iſt, können wir nicht unberückſichtigt laſſen. Wir ſenden hier voraus, daß wir uns, die wir ſeit Jahren gegen dieUnfehlbarkeit anderer zu Felde ziehen, gewiß ſelbſt nicht für unfehlbar halten und daß wir jederzeit bereit ſind, wenn uns durch irgend ein Verſehen ein Mißverſtändnis unter⸗ laufen ſollte, uns belehren zu laſſen; aber dagegen müſſen wir entſchieden Verwahrung einlegen, daß wir abſichtlich wichtige Stellen uns zurecht geſchnitten haben, denn wir ſind gewohnt immer wortwörtlich zu zitieren. Was uns aber Graf Hoensbroech hier vorwirft, geht auf Verdrehung hinaus. Oder weiß Graf Hoensbroech nicht, daß der VorwurfEnt⸗ ſtellung bewußte Abſicht des Entſtellers zur Vorausſetzung

*) Ohne jede Beifügung zitieren wir hier nur einen Satz des Grafen v. Hoensbroech aus dem Vorwort zur zweiten Auf⸗ lage:Der denkfauleBildungsphiliſter iſt leider in Deutſch⸗ land noch zahlreich vertreten; einige große ‚freiſinnig oder bliberal' ſich nennende Zeitungen ſind ſeine Stützen und Pa⸗ trone. Alle ‚pfäpffiſchee und jjunkerliche Beſchränktheit⸗ findet ſich vereint in der Verbohrtheit und Einſeitigkeit der ‚Bildungs⸗ philiſtereic. Für ſie und ihre Blätter iſt das ausgetretene

Geleiſe ‚Fortſchritt, iſt die tönende Phraſe ‚Bildunge, ſind Scheulappen und charakterloſe Gleichgültigkeit ‚Feſtigkeite und Freiſinn.

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hat? Wir können darauf nur antworten mit der öffentlichen Aufforderung an den Herrn Grafen, uns nachzuweiſen, wo wirin verſchiedenen wichtigen Punkten ſeine Auffaſſung völlig entſtellt wiedergegeben haben. Wir ſtellen ihm zu

dieſem Zwecke denDeutſchen Merkur ſelbſt natürlich nicht in ungemeſſenem Raume zur Verfügung. E. Z.

Friedensglocken zum Apoſtolikum. II*).

Der zweite Teil des Apoſtolikums lehrt den Glauben an Jeſus Chriſtus Zu ihm wird übergegangen im An ſchluſſe an das anfänglicheIch glaube an Gott. Ohne Wiederholung desIch glaube folgt bloß unter Anknüpfung mitund:

und an Jeſus Chriſtus, ſeinen einzigen Sohn.

Dieſe Verknüpfung entſpricht nicht minder dem gleichen äußern Vorkommen im Neuen Teſtamente, als dem Ver⸗ hältniſſe des Glaubens an Jeſus Chriſtus zum Glauben an Gott zufolge der Schrift: Jeder Geiſt, der bekennt, daß Jeſus Chriſtus im Fleiſche gekommen iſt, und in der Lehre Chriſti bleibt, der hat ſowohl den Vater als den Sohn(1 Joh. 4, 2. 2 Joh. 7. 9); durch den Glauben an Jeſus Chriſtus kommt den Menſchen die Gerechtigkeit von Gott(Röm. 3, 22); durch den Glauben an Jeſus Chriſtus ſind alle Söhne Gottes (Gal. 3, 26); und die erſte Predigt dieſes Glaubens ſchließt, nachdem ſie überall von dem Glauben an Gott ausgegangen, mit der Aufforderung, daß jeder ſich taufen laſſe auf den Namen Jeſu Chriſti, ſchließt ſo bloß dieſen Namen hervor⸗ hebend(Th. 2, 38), obſchon das Taufgebot des Herrn lautet: zu taufen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geiſtes.

Muß hiernach nicht gar geſagt werden, daß der Glaube an Jeſus Chriſtus mit dem Glauben an Gott untrennbar verknüpft iſt, ſo daß der eine Glaube nicht ohne dem andern beſteht? Und liegt nicht auch der Grund dafür offen? nämlich: Ziel des Glaubens an Gott iſt der Eintritt der Menſchen in Gottes Kindſchaft; der Eintritt in Gottes Kindſchaft aber iſt ohne Jeſus Chriſtus nicht gegeben, weil nach der von Gott für die Menſchheit aufgerichteten großen Ordnung Jeſus Chriſtus der Mittler dieſes Eintritts iſt, jener, der von ſich bezeugte:Niemand kommt zum Vater als durch mich(Joh. 14, 6). In dieſem Sinne denn den Anſchluß des Glaubens an Jeſus Chriſtus an den Glauben an Gott auffaſſend, ſind wir dadurch für uns auf die voll getreue Feſthaltung des Glaubens an Jeſus Chriſtus, das Licht der Welt, unſern Mittler und unſer Vorbild für die Gewinnung der Kindſchaft gewieſen, in betreff derer aber, die

dieſes Glaubens entraten, auf den Standpunkt weiteſter Duldung geſtellt, dies in der Hoffnung der Bruder⸗

liebe. Hoffen wir bei den tauſendfältig verſchiedenen Ent⸗ wicklungen des Glaubens an Gott, die die Menſchheit durch laufen mußte und muß, doch noch für das Heil derer, die in der menſchlichen Verwilderung ſelbſt den Namen Gott ver⸗ loren haben. Wir hoffen ſo im Hinblicke auf den einge⸗ ſchloſſenen Glauben ihres Lebenswirkens. Dennohne Glau⸗ ben iſt es unmöglich, Gott zu gefallen; wenn aber dieſem Ausſpruche(Hebr. 11, 6) hinzugefügt iſt:Glauben muß, wer Gott nahen will, daß er iſt und vergilt denen, die ihn ſuchen, ſo iſt dabei als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt, daß der Menſch in ſeinem diesſeitigen Leben in der Lage ſein muß, ſo zu ſuchen und zu glauben. Fehlte es daran dem, der ſterbend vor Gott tritt, ſo hat er von Gott als Vater die Zugabe des Fehlenden zu erwarten, wie dies ſchon zum erſten Satze des Apoſtolikums verfolgt wurde. Bei Un trennbarkeit des Glaubens an Gott von dem Glauben an

*) S. Nr. 11 u. 12.