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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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nötig hatte, mit Neid auf ihre älteren Schweſtern zu ſchauen. Die freundliche Geſinnung der größtenteils evangeliſchen Be⸗ völkerung Gießens gegenüber den katholiſchen Profeſſoren und Studierenden der Theologie wußten die alten Herren Pro⸗ feſſoren nicht genug zu rühmen. Der katholiſchen Geſinnung und Opferfreudigkeit der Familie Wilbrand, die mit Beginn des 19. Jahrhunderts nach Gießen gekommen war, war es vorzugsweiſe zu danken, daß dort eine katholiſche Gemeinde ſich ſammelte. Ein der Familie verwandter Geiſtlicher aus Weſtfalen fungierte dort als erſter Seelſorger. Mit Unter⸗ ſtützung der evangeliſchen Bevölkerung und der Regierung erhielt die Gemeinde in den dreißiger Jahren auch eine ſchöne Kirche. Von größter Bedeutung für die Entwicklung der katholiſchen Gemeinde Gießens war das Daſein einer größeren Anzahl jnnger Theologieſtudierender, die ihrer Religion mit Eifer anhingen und zugleich zu den fleißigſten Studenten zählten. Unter den Profeſſoren befanden ſich Namen, die in ganz Deutſchland einen guten Klang hatten, wie Kuhn, Staudenmayer, Leopold Schmid. Die Frequenz war an⸗ fangs ſchwach. Von 1830 bis 1838 durchſchnittlich 13 bis 26, von da bis 1846 ſtieg die Zahl auf 54, von 1846 an auf 84. Nach dem Tode des Biſchofs Burg und ſeines Nachfolgers Humann, der kaum ein Jahr an der Spitze der Diözeſe ſtand, folgte 1835 Leopold Kaiſer, der ſich bis zum letzten Atemzuge in wahrhaft väterlicher Weiſe der Gießener Fakultät angenommen hat. Seiner Intervention war der Vertrag mit Naſſau zu verdanken, wonach auch für die katho⸗ liſchen Theologen Naſſaus die Gießener Fakultät als Landes⸗ univerſität gelten ſollte. Auch Biſchof Pfaff von Fulda eine biſchöfliche Idealgeſtalt körperlich und geiſtig, den ich das Glück hatte, nicht bloß wiederholt zu ſehen, ſondern der ſich auch herabließ, mich einer kurzen Unterhaltung zu wür⸗ digen, deſſen Bild darum immer vor meine Seele trat, wenn ich des göttlichen Kinderfreundes gedachte Biſchof Pfaff, ſage ich, war ebenfalls ein Gönner der Fakultät, war mehreren Fakultätsmitgliedern perſönlich befreundet, ſchickte ſeinen eigenen Vetter zum Studium der Theologie nach Gießen und ſtrebte ein Naſſau ähnliches Verhältnis für Kurheſſen an.

So war die jüngſte Stiftung in kurzer Zeit trotz Papſt zu einem kräftig aufſtrebenden Baume geworden. Doch war es des Papſtes Anhang gelungen, ein kleines exotiſches Würmchen in das Mark des Baumes zu praktizieren, das ſich im Saft desſelben allmählich zu einem Wurm anfraß, an dem ſchließlich der Baum zu Grunde ging. Dieſer Wurm war Kasſpar Riffel, gebürtig von Büdesheim, der ſich eine Ehre daraus machte, ſich von der Gießener Fakultät zum Dr. theol. promovieren zu laſſen, um dann als wohlbeſtallter ordentlicher Profeſſor in ſeiner Art an ihr zu wirken. Früh ſchon fing er an, als Docent mancherlei tolle Sprünge zu machen, alſo daß in ſeinen Kollegen der Verdacht rege wurde, er gehe darauf aus, die Fakultät der großh. Regierung gegen⸗ über zu kompromittieren. So vergaß er einem Studioſus med. Popp gegenüber, der ihn während der Vorleſung ab⸗ gemalt, ſo ſehr ſeine Würde, daß es zu einem Injurienprozeß beim Hofgericht kam und die Sache ſchließlich ſogar noch den Staasrat beſchäftigte. Bald darauf fing er eine Stänkerei mit ſeinen Kollegen Kuhn und Staudenmayer an. Die beiden berühmten Männer zogen es ſchließlich vor, ehrenvolle Be⸗ rufungen an andere Hochſchulen anzunehmen und von Gießen zu ſcheiden. Seine jüngeren Kollegen Reuß, Kindhäuſer und Hartnagel vermochte er, mit ihm eine gemeinſame Wohnung zu beziehen und gemeinſame Wirtſchaft zu machen. Man nannte dieſe Behauſung in Gießen ſpottweiſe dasKloſter. Trat dann aber bald, während er in ſeinen kirchenrechtlichen Vor⸗ leſungen zu nicht geringer Unterhaltung zahlreich verſammelter Gießener Studentenſchaft ſehr großen Eifer für den Zölibat an den Tag legte, mit der das Hausweſen beſorgenden Schweſter Hartnagels in Beziehungen, welche dieſer auf keine Weiſe dulden zu dürfen glaubte. Das war der Anfang. Dazu

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kam dann noch, daß Riffel ſeine Kollegen veranlaßte, in ihrer Wirtſchaft auf gemeinſame Koſten einen ſo großen Aufwand zu machen, daß dieſe und insbeſondere wieder Hartnagel dadurch in die ſchlimmſten pekuniären Verlegen⸗ heiten gebracht wurden. Die gemeinſame Wirtſchaft trennte ſich endlich 1840 im größten Streit, und Riffel verſuchte nun, auf eine ſehr unedle Weiſe ſich namentlich an Hartnagel zu rächen, unter anderm durch die Aufnahme eines Proto⸗ kolls über angeblich private Handlungen desſelben, das er von einem Studenten, der es nicht geleſen, als Zeugen unter⸗ ſchreiben ließ und dann als Klagelibell dem Biſchof Kaiſer überſandte. Dieſer wußte jedoch ſchon, wie er mit Riffel daran war, und ſo ſcheiterte der Plan.

Um dieſelbe Zeit ſprach er in ſeinen Vorleſungen über die neueſte Kirchengeſchichte mit einer Bitterkeit über die Re⸗ formatoren, daß es allgemeines Aufſehen erregte und zuletzt eine Unterſuchung darüber angeordnet werden mußte. Bei dieſer Gelegenheit wurde auch Profeſſor Schmid von den kirchlichen und ſtaatlichen Behörden zu einem Gutachten ver⸗ anlaßt. Er widerriet, Riffel bloß auf Grund der Beſtim⸗ mungen der Dienſtpragmatik ſeiner Stelle zu entheben, weil er ſich dann in der Oeffentlichkeit als ein Opfer der katholiſchen Lehrfreiheit im proteſtantiſchen Gießen hinſtellen würde. Gleich⸗ wohl wurde im Staatsrat aus Schonung gegen den geiſt lichen Charakter Riffels alles Perſönliche mit Stillſchweigen übergangen und nur das für den konfeſſionellen Frieden Nachteilige ſeines Benehmens hervorgehoben; in der Pen⸗ ſionierung bezog ſich die höchſte Behörde ledig auf die Be⸗ ſtimmungen der Dienſtpragmatik. Der Märtyrer für katho⸗ liſche Freiheit war fertig. In Mainz, wo man es längſt als ſchwere Beleidigung empfunden, daß die theologiſche Fakultät in Gießen und nicht in Mainz ſich befand, inſze⸗ nierten die Freunde Riffels einen Petitionsſturm für die Ueberführung der Fakultät nach Mainz. Der Jeſuit Devis der ſich mit einigen Mitgliedern ſeines Ordens im Lande des konvertierten Herzogs Ferdinand von Köthen aufhielt, kam nach Gießen und hatte mit einigen Fakultätsmitgliedern Unterredungen, in denen er ſich dahin ausſprach:Man müſſe vor allem beſtrebt ſein, die katholiſch⸗theologiſchen Fakul⸗ täten von den Univerſitäten zu entfernen, und am füglichſten mache man darin ſeinen Anfang mit der Gießener katholiſch⸗ theologiſchen Fakultät.

Ein ultramontaner Bund beſtand längſt, deſſen Häupter die ſpäteren Biſchöfe Geiſſel, Räß und Weiß und die Pro⸗ feſſoren Dieringer, Lüft, Sauſen und Riffel waren. Allmäh⸗ lich hatte man an alle Biſchofsſitze in Rom gebildete Geiſt⸗ liche, die ihr Deutſchtum völlig ausgezogen und ſich dem Papſte mit Haut und Haaren verkauft hatten, vorgeſchoben. Sie hatten die Aufgabe, ohne ſelbſt zunächſt auf den Bi ſchofsſitz zu aſpirieren, doch das Heft in der Diözeſe in die Hand zu bekommen. Auch den hochbetagten Biſchöfen Pfaff in Fulda und Brand in Limburg fehlten dieſe päpſtlichen Gefangenwärter nicht. Biſchof Pfaff hatte noch nicht die Augen geſchloſſen, da war Riffel ſchon Gaſt im Pfarrhaus des guten, liebenswürdigen, aber geiſtig unbedeutenden und ſchwachen Chriſtof Florentius Kett auf Amöneburg bei Kirch⸗ heim. Riffel und Dr. rom. Schneider in Fulda fädelten ſeine Wahl für den Fuldaer Biſchofſitz ein. Kett wurde Biſchof und ging bis an ſein ſeliges Ende von der Hand des einen Dr. rom. in die des andern über. Von Beziehungen zu der Gießener Fakultät war natürlich keine Rede mehr.

Nach Biſchof Brand wurde unter ähnlichen Verhält⸗ niſſen Blum Biſchof von Limburg, ein ſchwacher Charakter, der in der Kulturkampfszeit ſogar unſer innigſtes Mitleid erregen konnte. Domkapitular und geiſtlicher Rat Schütz war

zunächſt ſein Mentor, ein begabter, redegewandter Mann, der aber zu den mir im Leben häufig genug begegnenden Prie⸗ ſtern gehörte, die mit ihrem untadeligen Papſtglauben nur Gerade zu der

ihre ſittlichen Mängel zu verbergen ſuchten.