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29. Jahrg. ℳ 18.
30. April 1898.
Deutſcher Merkur.
Vierteljährlicher Preis bei der Poſt: 2 Mark
Poſtzeitungskatalog Nr. 1892,
bei den Expeditionen zu Köln und München:
1 Mark 60 Pf.
Einzelne Nummern à 15 Pf.
Inſerate die geſpaltene Petitzeile 25 Pf. ſoweit ſie dem Inhalte des Blattes angemeſſen ſind.
Organ katholiſche Reformbewegung.
Revaktion: München, Jungfernthurmſtraße 2. Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn.
Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81.
Inhalt. Eröffnung des Paulinum.— Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen.(Schluß).— Friedensgloſſen zum Apoſtolikum(II Fortſ.).— Korreſpondenzen und Berichte: München(Prieſterjubiläum des Pfr. Gatzenmeier; Kultusminiſter zur Schul⸗ frage; päpſtliche Belobung des„Pelikan“).— Aus Baden(J. A. Czerwenka in Baltersweil).— Bonn(Geh. Sanitätsrat Dr. Schäfer †; Biſchof
Dr. Weber; altk. Bürgerverein).— Offenbach(Stiftungsfeſt).— Krefeld(Pfr. Lic. Moog).— Berlin(„T
T
ägl. Rundſchau“ über das Zentrum).—
Böhmen(Familienabend der Warnsdorfer Gemeinde).— Wien(Statiſſtiſches).
Eröffnung des Paulinum.
Die in Bonn gegründete altkath. Anſtalt für Gymnaſiaſten, welche den Namen Paulinum führt, wurde Mittwoch den 20. April um 8 Uhr abends durch eine ſtille Feier in dem Hauſe Arndtſtraße 22 eröffnet. Einladungen zur Feier waren nicht ergangen; außer den Hausbewohnern nahmen nur der Biſchof und der Pfarrer der Bonner Gemeinde teil. Der Biſchof eröffnete die Feier mit einer kurzen Anſprache etwa folgenden Inhaltes.
Der heutige Tag erfüllt uns alle mit Freude und fordert auf zum Danke gegen Gott, denn von ihm gilt das Wort des Pſalmiſten:„Das iſt der Tag, den der Herr gemacht hat; laſſet uns freuen und frohlocken an ihm.“ Die Gründung einer Anſtalt, wie diejenige, die wir jetzt eröffnen, war ein in der kath. Kirche der deutſchen Altkatholiken lange und tief empfundenes Bedürfnis. Aber woher die dazu erforderlichen Mittel nehmen? Es zeigte ſich kein anderer Weg, als an die Opferwilligkeit der vermögenderen Altkatholiken zu appellieren, und der Appell iſt nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Es gingen ſo viele Gaben ein, daß gewagt werden konnte, das Haus, in dem wir uns befinden, und das mit Staats⸗ genehmigung als erſte Liegenſchaft dem Bistum überwieſen iſt, zu kaufen und die Eröffnung der Anſtalt mit dem Beginn des neuen Schuljahres in Ausſicht zu nehmen.
Freuen wir uns alſo und danken wir Gott von ganzem Herzen, daß wir heute ſo weit ſind; bitten wir ihn aber auch, daß die Hoffnungen, die wir an die Anſtalt knüpfen, in Er⸗ füllung gehen.
Die Statuten bezeichnen den Zweck der Anſtalt. Sie ſoll eine Pflanzſtätte chriſtlicher Geſittung im Sinne des Apoſtels Paulus werden. Dabei handelt es ſich alſo um euch, geliebte Zöglinge. Eure Eltern haben euch hierher ge— geben, damit ihr das Gymnaſium beſuchen ſollt. Sie ſowohl als die Anſtalt erwarten von euch, daß ihr durch Aufmerk⸗ merkſamkeit, Fleiß und volle Hingebung an die in der Schule gelehrten Fächer als gute Schüler dem Gymnaſium zur Ehre und euern Lehrern zur Freude gereichet. Aber ihr ſelbſt kennt den weiſen Spruch:„Qui proficit in litteris, sed deficit, in moribus, plus deficit quam proficit.“(Wer wiſſenſchaftlich Fortſchritte, ſittlich aber Rückſchritte macht, machtmehr Rückſchritte als Fortſchritte.) Demnachwirddie Anſtalt euch anleiten, mit dem Streben nach gelehrtem Wiſſen das Streben nach echter Religiöſität und Geſittung im Geiſte der kath. Kirche zu verbinden. Die Wurzel aller Religiöſität und Geſittung iſt die Tu⸗ gend der Wahrhaftigkeit. Die Pflege dieſer Tugend in jedem einzel⸗ nen und ſelbſt im kleinſten lege ich euch ganz beſonders ans Herz. Gebt der Lüge niemals den Raum, weder in eurem Denken noch im Reden. Vonſeiten der Anſtalt wird alles
gethan werden, um euch das Eülternhaus zu erſetzen und euch den Aufenthalt in ihr nicht nur zu einem ſegens⸗ reichen, ſondern auch angenehmen zu machen. Seid auch ihr daher in allem gern gehorſam euren Vorgeſetzten und thut in jedem eure Pflicht. Dann dürfen wir zuverſichtlich hoffen, daß ihr als leiblich und geiſtig geſunde, wohl erzogene, der Wahrheit und Gerechtigkeit ergebene, für euren künftigen Lebensberuf tüchtig vorgebildete Jünglinge die Anſtalt der⸗ einſt verlaſſen und bis in die ſpäteſten Tage eures Lebens ſie ſegnen werdet. Möge das alles an einem jeden von euch und an denen, die ſpäter in dieſes Haus aufgenommen werden, in Erfüllung gehen! Das walte Gott!
Nach dieſer Anſprache wurden den Teilnehmern an der Feier einige Erfriſchungen verabreicht. Man blieb in leb⸗ hafter, dem Alter der Zöglinge angemeſſener Unterhaltung zuſammen, bis der Herr Biſchof und Pfarrer Demmel vor 10 Uhr ſich verabſchiedeten.
In das Paulinum ſind vorerſt ſechs Schüler aufgenommen, die zum größten Teil die höheren Gymnaſialklaſſen beſuchen. Die Unterhaltung der Anſtalt wird noch viele Sorge machen und bedeutende Opferwilligkeit erfordern. Aber bisher hat Gott geholfen; wir vertrauen, daß er auch weiter helfen wird!
Die Vernichtung der katholiſch-theologiſchen Fakultät in Gießen. (Schluß.)
Der chriſtliche Staat als oberſter Schutzherr ſeiner Unter⸗ thanen kann ſolche Zuſtände nicht dulden; darum reklamierten Heſſen und ſeine Verbündeten ihr landesherrliches Schutz⸗ und Aufſichtsrecht über die katholiſche Kirche. Als der Papſt wagte, den Regierungen geradezu Wortbrüchigkeit vorzuwerfen, da gingen die Regierungen ſelbſtändig vor. Und ſie konnten es damals; ſie hatten damals noch katholiſche Biſchöfe, keine päpſtlichen Präfekten auf deutſchem Boden; auch gab es noch kein irregeleitetes, ultramontanes Volk! Dekan Burg, einer der thätigſten Förderer der kirchlichen Neuorganiſation und der katholiſchen Fakultätsgründung in Gießen, wurde Biſchof von Mainz. Er ging Hand in Hand mit Herrn von Linde, Referenten im Miniſterium des Innern und der Juſtiz, die hochherzigen Intentionen der Großherzoge Ludwig I. und Ludwig II. durchzuführen. Am 27. November 1830 wurde die katholiſch⸗theologiſche Fakultät außerordentlich feier⸗ lich eröffnet. Die neue Fakultät wurde von den vier alten Fakultäten aufs freundlichſte begrüßt; ein ſchönes Verhältnis entwickelte ſich zwiſchen den beiden theologiſchen Fakultäten. Durch die Munificenz des Großherzogs war die neue Fakultät nach jeder Richtung ſo reichlich ausgeſtattet, daß ſie nicht


