Reaktion vielfach Beſorgnis erweckte und eine düſtere Vorſtellung von ihrer großen Macht hervorgerufen hatte.„Ich bin glückliche, rief der Miniſterpräſident aus, ‚daßich in einem Kreiſe aufgewachſen bin, in dem man nie nach dem Glaubensbekenntnis gefragt hat. Es überläuft mich förmlich kalt, daß ich hier im Abgeordneten⸗ hauſe mich einer Partei gegenübergeſtellt ſehe, die die Schlag⸗ worte des Konfeſſionalismus aus dem Grabe erweckt, die ſtets eine Gefahr für den öffentlichen Frieden und die Eintracht des Bürgertums bildeten.’ Von großer Wirkung war auch der Hinweis, daß die Reaktion wiſſe, ſie habe im Magyarentum einen geſchworenen Feind; die reaktionäre Tendenz, die Graf Johann Zichy provoziere, ſei nicht autochthon, ſie komme aus der Fremde und ihr erſtes ſei— was die Volkspartei auch redlich gethan—, daß ſie ſich mit dem Panſlavismus alliiere, um durch Erſchütterung des Nationalbewußtſeins dem freiheit⸗ lichen Prinzip das Verderben zu bereiten.“
Aus Italien. In Piacenza hat die Gemeinde das Oratorium S. Paole, das eine Zeit lang aus Furcht vor Störung des öffentlichen Friedens durch die Römiſchen poli zeilich geſchloſſen und alſo nur mit Eintrittskarten zugäng⸗ lich war, wieder eröffnet und dann am Oſtertage als Synode den Don P. Miraglia mit Ungeſtüm zum Biſchof gewählt. In den andern altkatholiſchen Kirchen wußte von dieſem Vor⸗
gehen niemand etwas. Dasſelbe iſt— obſchon Aehnliches auch in altchriſtlichen Zeiten hie und da vorgekommen iſt, als die Kirche noch nicht Staatskirche war— ein über⸗
ſtürztes und hat ſeine ſchweren Bedenken. Don Miraglia hat nur eine Gemeinde und dieſe keinen zweiten Geiſtlichen. Da hätte man ſicher noch Nötigeres zu thun, als einen Biſchof zu wählen. Sodann hat Italien noch andere altkatholiſche Gemeinden unter Heinrich v. Campello. Damit, daß Don Miraglia ſeine Kirche als italo internazionale bezeichnet, deutet er den weiter greifenden Charakter derſelben an, zudem iſt die Gemeinde in Kultus und Lehre ſtreng katholiſch. Da ſollte es ſich von ſelbſt verſtehen, daß die Leute miteinander ſich zu einigen ſuchten. So aber würde die Zerfahrenheit verewigt; es entſtünden Sekten, nicht eine italieniſche katho⸗ liſche Kirche. Dieſes eigenmächtige, ſtürmiſche Verfahren iſt um ſo unbegreiflicher, weil die Gemeinde noch keine Ver⸗ faſſung hat. Es iſt charakteriſtiſch, daß der Synodalbeſchluß dahin geht, es ſei die Wahl offiziell dem Herrn Dr. Weibel als Sekretär des internationalen Kongreſſes anzuzeigen, nicht etwa den altkatholiſchen Biſchöfen. Offenbar hat Don Mira⸗ glia ſelber noch nicht das volle Verſtändnis für den Unter⸗ ſchied zwiſchen Synode und Kongreß. Es iſt aber auch bezeichnend, daß Don Miraglia von dem Vorhaben ſelbſt den Leuten, mit denen er ſonſt korreſpondierte, wie Herrn Dr. Weibel, nichts meldete. Endlich iſt es auch ſehr ſeltſam, daß die Wahl getroffen wurde in der Kirche, vermutlich unter dem Vorſitze des Erwählten ſelbſt. Die Wahl und Weihe des hochw. Biſchofs Kozlowski laſſen ſich mit dieſer Wahl nicht vergleichen. Die polniſche Kirche in Amerika iſt kon⸗ ſtituiert als freie Kirche im Lande der freien Kirchen; in Italien liegen die Verhältniſſe anders; die Gemeinde Mira⸗ glias entbehrt noch jeder Konſtitution. Die polniſche Kirche hat ihre Synode und ihr Presbyterium und iſt aus ver⸗ ſchiedenen Gemeinden gebildet, obſchon ſie nur von Chicago benannt iſt. Die Gemeinde in Piacenza nennt ſich wohl chiesa italo-internazionale, entbehrt aber noch der förm⸗ lichen Synode als der Verſammlung mehrerer Gemeinden und hat auch kein Presbyterium. Trotz der großen Eigenſchaften des Herrn Miraglia, ſogar wegen derſelben, iſt dieſe voreilige Wahl zu bedauern, auch wegen der Konflikte, die ſie gegen⸗ über dem Grafen Campello und ſonſt leicht, ſehr leicht her⸗ vorrufen kann. Frankreich. Ueber die gegenwärtige Lage des Prote⸗ ſtantismus hat auf dem letzten Nationalkonzil der engliſchen Freikirchen in Briſtol M. Paul Guignard, der Präſident des Evangeliſchen Komitees der Freien Evangeliſchen Kirche
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in Frankreich, Bericht erſtattet. Daraus teilt die„Chr. der chriſtl. Welt“ mit:„Von 38 Millionen Einwohnern ſind nur 600 000 Proteſtanten. Die überwiegende Majorität dieſer 600 000 ſind nur dem Namen nach proteſtantiſch; die, die bereit ſind, mit zu arbeiten, ſind eine bloße Handvoll. Das Volk iſt dank der Wirkſamkeit Roms an aller Religion irre ge⸗ worden, die mit dem römiſchen Katholizismus identifiziert wird. Die Bibel iſt völlig unbekannt. In einer Stadt von 50 000 Einwohnern verlangte eine Frau in der Buchhand⸗ lung ein Neues Teſtament. Es ſtellte ſich heraus, daß der Buchhändler überhaupt noch nichts davon gehört hatte. Er meinte, das Buch ſei wohl noch gar nicht erſchienen. Er erklärte ſich bereit, ein Exemplar von Paris kommen zu laſſen, ſobald es die Preſſe verlaſſen habe. Gleichzeitig macht ſich eine neue katholiſche Strömung bemerkbar, und zwar in ſehr aggreſſiver Form gegenüber dem Proteſtantismus. Man fängt an, die Proteſtanten auf dieſelbe Stufe wie die Juden zu ſtellen. Sie werden Verrätere,„Dreyfuße“, bezahlte Spione von England oder Deutſchland genannt. Es werden Antiproteſtantenliguen gebildet, und damit der Sache auch der Humor nicht fehle, hat kürzlich ein Senator dem Senat eine Karte aus dem Jahresbericht der Britiſchen Bibelgeſell⸗ ſchaft vorgelegt, worauf die Diſtrikte der Kolporteure ver⸗ zeichnet ſind, die er aber für einen Verteilungsplan des Landes bei einer zukünftigen Annexion durch England hielt! Die Jeſuiten errichten mit großartigem Geldaufwand Schulen als Gegengewicht gegen die Staatsſchulen und wiſſen das beſte Schülermaterial an ſich zu ziehen. So haben ſie es fertig gebracht, eine große Zahl ihrer Kreaturen in jeden Zweig der öffentlichen Verwaltung zu bringen. Als der Kongreß beſchloß, den franzöſiſchen Freiktrchen ſeine Sympathie zu bezeugen, bat Guignard, recht vorſichtig dabei zu ſein, da die Feinde des Proteſtantismus eine derartige Kundgebung als eine Beſtätigung ihrer Anklagen anſehen würden.“
Petersburg. In der Dreifaltigkeitskirche des Alexander Newski⸗Kloſters wurden am 6. April der ſyro⸗chaldäiſche Biſchof Mar⸗Yonan, vier andere Geiſtliche und die ihnen unterſtehenden Gemeinden von ungefähr 15000 Syro⸗Chaldäern in den Schoß der orthodoxen Kirche feierlich aufgenommen. Der Kaiſer ließ die Bekehrten durch den Gehilfen des Ober⸗ prokurators des heiligen Synod, Geheimrat v. Szabler, der der Feierlichkeit beiwohnte, beglückwünſchen.
Schweden. Dem eben verſammelten Reichstage iſt ein Geſetzentwurf vorgelegt worden, der Strafbeſtimmungen gegen diejenigen Geiſtlichen und Gemeindevorſteher enthält, die im Falle von Miſchehen einen Druck auf die Krontrahenten zum Zwecke der Kindererziehung in einer fremden Konfeſſion aus⸗ üben.(Chr. d. chr. W.)
England. In Briſtol haben, wie wir der„Chr. der chr. W.“ entnehmen, vom 7. bis 10. März die engliſchen Freikirchen ihr Nationalkonzil abgehalten. Die„Free Church Federation“ iſt erſt 5 Jahre alt; aber ihre Bedeutung und ihr Wachstum zeigt ſich ſchon darin, daß ſie in England und Wales bereits mehr Plätze in den Kirchen, mehr Kom⸗ munikanten, mehr Sonntagsſchullehrer und ⸗Schüler aufweiſt als die Staatskirche. Nach offiziellen Quellen belief ſich die Zahl der Kommunikanten in den Freikirchen auf 16 625 152, in der Staatskirche auf 3 122 526. In Briſtol waren in dieſem Jahre bereits ſünfhundert Lokalkonzile vertreten mit ſechs bis ſieben Hundert gewählten Deputierten. Mr. Price Hughes(Präſident im Jahre 1896) ſieht in der ganzen frei kirchlichen Bewegung eine Parallele zu der„Oxforder Be wegung“ in der anglikaniſchen Kirche und erhofft von ihr dieſelbe Belebung für den Nonkonformismus, wie jene ſie der Staatskirche gebracht hatte. In dieſem Jahr war Prä ſident Dr. Clifford(Baptiſt). Geſprochen haben Dr. Clifford über„die Einheit der Kirchen: die Löſung des Problems“, M. Paul Guignard über die gegenwärtige Lage des Pro⸗ teſtantismus in Frankreich, Dr. Berry über ſeine Reiſen in


