Es iſt ja außer allem Zweifel, daß wir heute, wenn nicht die Staatsgewalt eingegriffen, in Mar⸗ pingen ein deutſches Lourdes haben würden. Der Schreiber dieſer Zeilen kennt fromme katholiſche Frauen, die noch heute nach den Angaben der„Marienkinder“ in grellen Farben ausgeführte Abbildungen der Muttergottes von Marpingen, wie ſie damals maſſenhaft unter dem leichtgläubigen Volke verbreitet wurden, voll heiliger Scheu aufbewahren. Das Beiſpiel von Marpingen reizte bald zur Nachahmung an den verſchiedenſten Orten; ſogar in mit Waſſer gefüllten Flaſchen zeigte ſich die Muttergottes, und das herbeiſtrömende Volk lag davor auf den Knieen und ſtaunte das„Wunder“ an. — Nicht minder wirkte Louiſe Lateau, die Stigmatiſierte von Bois d'Haines, zu der die katholiſchen Gelehrten und Theo⸗ logen in Scharen hinpilgerten, um ſich im Glauben zu ſtärken; und auch hier fehlte es nicht an bald verunglückten Kon⸗ kurrenzen auf deutſchem Boden. Zu alledem kam dann der „Aufſchwung des kirchlichen Lebens“, der ſich in Bruder⸗ ſchaften und Kongregationen, in Meßbündniſſen und Gebets⸗ vereinen, im Tragen von Skapulieren und wunderthätigen Medaillen, in Miſſionen und Exerzitien, in Wallfahrten mit mancherlei Wundergeſchichten, in der Ausbreitung des dritten Ordens für Laien und anderen Unternehmungen ähnlicher Art äußerte.
Ein nicht zu unterſchätzender Faktor zur Erzeugung des jetzt beklagten Reſultats iſt dann die von den„Verlegern des Apoſtoliſchen Stuhles“ fabrizierte und verbreitete„Er⸗ bauungslitteratur“. Man denke an die zahlloſen„Leben der Heiligen“, in denen die Erſcheinungen des Teufels in den lockendſten wie in den widerwärtigſten Geſtalten und die wahnwitzigſten und unflätigſten Drangſale, die er den von ihm Verſuchten bereitet, eine ſtehende Rubrik bilden. Man denke an die ſogenannten„Armenſeelenbücher“, in denen die unglaublichſten whe über die Erſcheinungen der Geiſter der Verſtorbenen, über ihre Klagen betreffs der Urſache, der Art und Größe ihrer Leiden im Fegfeuer und die Kraft der Fürbitte oder anderer guten Werke bei den noch auf Erden Wandelnden zu leſen ſind. Man denke an die„Offenba⸗ rungen“ einer Katharina von Emmerich und anderer„gott⸗ ſeligen“ Perſonen. Man denke endlich an die unzähligen Traktate, in denen bald dieſes bald jenes wunderthätige Mittel, bald dieſe bald jene Andachtsübung empfohlen wird. Und wo die eigene Phantaſie und Beleſenheit ichi ausreicht, um„zweckentſprechende“ und„geſuchte“ geiſtige? Nahrung für das„gläubige“ Volk zu bereiten, da müſſen Frankreich und Belgien, Italien und Spanien in Ueberſetzungen ihre reichen Schätze darbieten
Es gehört ein guter Fond geiſtiger Kraft dazu, wenn jemand, der von Jugend auf in dieſem Wunder⸗ und Irr⸗
beweiſen.
nungen
garten umhergeführt worden, mit geſunden Sinnen wieder herauskommen ſoll. Das Heer der Schwärmer und der geiſtig Schwachen und namentlich die Frauen finden über⸗
haupt den Ausgang nicht mehr. Und weder der katho⸗ liſche Klerus noch der ſogenannte Geſchäftskatholizismus wird jemals ernſtlich daran denken, dem ſo großgezogenen„falſchen“
Myſticismus die Adern zu unterbinden. Macht und Gewinn ſind vielmehr zwei Triebfedern, welche die furchtbare Blamage des Taxil⸗Schwindels bald vergeſſen machen und dem Ge⸗ ſchäft immer wieder zu neuer Blüte verhelfen werden. Die heute in der leitenden klerikalen Preſſe verlangte Selbſtprüfung iſt die Folge der raſtloſen Aufklärungsarbeit des nationalen Liberalismus Seine Aufgabe iſt jetzt naturgemäß dahin zu drängen, daß der Selbſtprüfung eine wirkliche und dauernde Beſſerung folgt. Sonſt iſt ſie ſchlechterdings undenkbar; denn die Geſchichte des Ultramontanismus führt jeden, auch den blödeſten Optimiſten zu der Erkenntnis, daß es in der That Mächte gibt, welche den Fortſchritt der Menſchheit zu nebeln vermögen.(Nh. K.)
130
Friedensgloſſen zum Apoſtolikum. II.(Fortſetzung.)
Hätte denn etwa Chriſtus anders empfangen und ge⸗ boren werden können? Er jener,„der da kommen ſollte“, mußte nach Eintritt des menſchlichen Sündenfalles kommen, um zunächſt unſer Erlöſer zu werden. Hierzu aber mußte
er ſelbſt der Reine ſein Zwar heißt es von ihm, daß er ſich„zum Löſegelde gegeben für alle“(I Tim 2, 6), doch
kann zs„alle“ nur verſtanden werden im Sinne von„alle andern Menſchen“; wenn es auch für ihn ſelbſt noch des Löſegeldes 3 bedurft k hätte, wie ſollte da ſeine Hingabe über ihn ſelbſt hinaus o groß gewirkt haben? Er mußte das Sühn— opfer für alle andern bringen als ihr Hoheprieſter, der ſelbſt
„heilig, lauter, iei⸗ abgeſondert von den Sündern“ (Hebr. 7, 26 f., vgl. Joh. 8, 46) So von den Sündern
abgeſondert wäre er doch nicht geweſen, wenn er leiblich⸗ organiſch gekommen wäre durch eine Erzeugung von Mann und Weib. Würde er da nicht ſelbſt unter die Erbſünde getreten ſein? Denn durch die Abſtammung von dem erſten Paare je bei Erzeugung durch ein gleich verbundenes ſpäteres Paar, durch ſolche an ſich freilich nicht ſündige Erzeugung „aus Blut, aus Fleiſches nn Mannes Willen“(Joh 1, 13), und nicht bei noch fernerem Erforderniſſe eigenen Sündigens iſt die Erbſünde das große allgemeine Uebelerbe. Würde ferner, da dieſes Uebelerbe die Notwendigkeit des Todesendes einſchließt(Röm. 5, 12. Hebr. 9, 27), der dpif nicht haben ſterben müſſen? Aber erſt durch ſein freiwilliges Sterben vollendete er die Erlöſung(Joh. 10, 17 f.).
Anderſeits mußte er, um unſer Erlöſer zu werden, in unſer Geſchlecht eintreten,„geboren werden vom Weibe“ (Gal. 4, 4). Zwar nahm er dadurch auch unſern Leib, den „Knechtsleib“ an, der der menſchliche Leib infolge der erſi Sünde geworden iſt, aber als ſelbſt ſich erniedrigend(Phil. 2.
7 f); und ſo eben ward er das„unbefleckte, tadelloſe Lamm, um unſere Sünden i ſeinem Leibe auf das Holz hinauf⸗ zutragen“(1 Petr. 1, 19. 2, 24). Demnach war beides, Empfängnis vom ht Geiſte ohne Mann und Geburt von Maria der Jungfrau, ſchon unſerer Erlöſung wegen erfordert.
Ueber ſolchen Glauben, zumal mit ſolchen weiteren Er⸗ wägungen, ſpottet heute eine Menge derer, die von Chriſtus abgewandt dem Verſuche einer moniſtiſchen Erklärung der Welt huldigen. Wenn aber auch unter denen, die in an⸗ derem noch chriſtlich bekennen, dieſem Glauben zwar nicht ſpottend, doch lächelnd begegnet wird mit der Alnahae, d das Apoſtolikum wie di gleich zeugende Schrift bringe hier eine mythiſche Einkleidung: ſo erklärt ſich dies aus einem falſchen Naturalismus mit der einſeitig-realiſtiſchen Richtung, die ſich dem derzeitigen beſſeren Naturwiſſen angeſetzt hat; es wird da die real-idealiſtiſche Erfaſſung nicht genügend gewahrt, die der chriſtlichen dualiſtiſchen Weltanſchauung entſpricht. Man ſagt naturaliſtiſch Nicht bloß die Menſchen haben für ihr Hervorgehen je Mann und Weib vorausſtehen, dasſelbe Verhältnis iſt auch in der höheren Tierentwicklung anzutreffen, und erſt bei den niedriger organiſierten Tieren wird es anders erblickt, zeigt ſich die Vielformigkeit der Fort⸗ pflanzung im animaliſchen Reiche: wie ſoll da der einzige Sohn nicht im Fleiſche gekommen ſein gleich uns allen? iſt nicht die Form unſeres Hervorgehens die von Gott für alle Menſchen gewollte, ſeine Naturordnung, die unantaſtbare? — Bei real-iealiſtiſcher Erfaſſung entfällt dieſer Einwurf.
Erſt mit dem organiſchen Leibe wird der Menſch das vollſtändig, wozu er beſtimmt iſt, dazuſtehen als das die Schöpfung abſchließende Vereinsweſen von Stoff und Geiſt. Als ſo das Menſchengeſchlecht in ſeinen Stammeltern hervor⸗ gegangen war, mußte noch, weil ihr Leib ſeinem Natur⸗ aufbaue nach ſterblich, ihre Seele aber unſterblich war, das „Sterbliche Unſterbl ugtei anziehen“(1 Kor. 15, 53). Dies Ziel and ſchon ſofort vor den erſten Menſchen. Sie würden es bei rechtem Gebrauche ihrer geiſtigen Freiheit erreicht haben;
.
1
.


