29. Jahrg. ℳo 17
23. April 1898.
Deutſcher Merkur.
Vierteljährlicher Preis bei der Poſt:
Poſtzeitungskatalog Nr. 1892,
bei den Expeditionen zu f5fn und München: Mark 60 Pf.
Liraun. Nummern àa 15 Pf. Inſerate die geſpaltene Petitzeile 25 Pf. ſoweit ſie dem Inhalte des Blattes angemeſſen ſind.
2.Marti, 1w- Organ
katholiſche Reformbewegung.
Revaktion: München. Jungfernthurmſtraße 2 Haupt-Expedition: München Kgl. Hof⸗ und Univerſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn.
Exped. für Köln und Deutz, Paul Neubner Buch⸗ und Kunſthandlung, Köln, Hoheſtr. 81
Inhalt.
Der falſche Myſticismus unſerer Zeit— ein Werk des Ultramontanismus.— Friedens sgloſſen zum Apoſtolikum II(Fortſ.)—
Die Vernichtung der katholiſch⸗theologiſchen Fakultät in Gießen.(Fortſ.)— Korreſpondenzen u nd Berichte: Württemberg(Reſervalien⸗ geſetz)— Vom Rhein(Bekehrungsverſuche am Sterbebette).— Berlin(Privatdozentenvorlage).— Ungarn kklerikale Partei).— Aus Italien(Don P. Miraglia).— Frankreich(Lage des Proteſtantismus).— Petersburg(Uebertritt ſyro⸗chaldäiſcher Gemeinden).— Schweden(Strafbeſtimmungen
gegen Eingriffe in die Freiheit der Miſchehenſchließenden).
— England(Nationalkonzil der„Free Church Federation“
— Nordamerika(Vilatte).—
Miszelle(Aberglauben in Berlin).— Bekanntmachung der altk. Gemeinde Kattowitz.
Der falſche Myſticismus unſerer Zeit— ein Werk des Ultramontanismus.
„Der falſche Myſticismus— eine Zeitkrankheit“— unter dieſer Ueberſchrift hat die„Kölniſche Volkszeitung“ in ihrer Nr. 158 vom 2. März einen Leitartikel veröffentlicht, der ſich an den dritten Teil der Schrift des Jeſuiten H. Gruber (Hildebrand Gerber):„Leo Taxils Palladismus-Roman“ anſchließt. Die„Kölniſche Volkszeitung“ benutzt die Gele⸗ genheit, um mit dem genannten Jeſuiten die Katholiken, die ſich durch die gläubige Aufnahme, die begeiſterte Vertei⸗ digung und die eifrige Ausnützung der angeblichen Offen⸗ barungen des ungeheuerlichen Schwindels gegen Andersdenkende ſo unſterblich lächerlich gemacht haben, zu„ernſter Selbſt⸗ prüfung“, zu„höherer geiſtiger Bethätigung beſonders auf dem wiſſenſchaftlichen Gebiete“, zu„philoſophiſcher Durch⸗ dringung der Worſehungs⸗Ergeöninie⸗ aufzufordern und vor „handwerksmäßiger, routinenhafter Anti⸗Freimaureraktion“, vor„Einſeitigkeiten und Uebertreibungen auf dem Gehieke der Frömmigkeit“, vor„gewiſſen Auswüchſen erbaulicher Volks⸗ litteratur“, und vor dem„Ausſchlagen kirchlicher aeſnnang in unverſtändigen Zelotismus und eigenſinnigen Konſerva⸗ tismus“ zu warnen. Die„Köln. Volkszeitung“ meint zum Schluß, wenn die von dem Jeſuiten Gruber gepredigten Wahr⸗ heiten„in den weiteſten Kreiſen, auch im Klerus, auch in Deutſchland“ beherzigt würden,„dann werde auch im Taxilſchen Teufelsſchwindel die unabläſſig der Kirche entgegenwirkende Macht, die ſtets das Böſe will, thatſächlich das Gute ge⸗ ſchaffen haben“.
Den guten Willen der„Köln. Volkszeitung“ in allen Ehren! Aber ſie wird keinen Einſichtigen glauben machen können, daß ſie ihre bezüglich der weiteſten Kreiſe der Katho⸗ liken und namentlich bezüglich des Klerus ausgeſprochenen Hoffnungen für beſonders begründet hält, noch viel weniger wird ſie einen Kenner der Verhältniſſe dazu vermögen, ſich ähnlichen, durchaus eiteln Hoffnungen hinzugeben. Geſteht ſie doch ſelbſt in ihrem Artikel:„Es gibt Leute genug, die aus den gottesläſterlichen Hanswurſtereien der Firma Taxil u. Co. trotzdem und alledem noch einen tüchtigen Brocken retten möchten und emſig nach einem Erſatz für die Satanismen der Mémoires d'une epallaclste ſuchen. Wie die„Köln. Volksztg“ ſehr richtig bemerkt,„war Taele Erfolg nur dadurch möglich, daß gebildete Leute, auch ſolche, an deren perſönlicher Integrität nicht zu zweifeln iſt, öhn die Wege ebneten“. Der„auf allen Verſtand verzichtende myſtiſche Duſel“, jene Weßſtesniung⸗„deren Träger ohne Beſch äf⸗
tigung mit nerhennd mehr oder minder abgeſchmackten, min— deſtens gänzlich unbeglaubigten ‚Wundern“,„Prophezeihungen“, Heilungen“,„Gebetserhörungen⸗ und Erſcheinungen⸗ nament⸗
lich des Teufels, ſich anſcheinend nicht wohl befinden“, wird eben von einer Macht gepflegt, gegen die auch die„Köln. Volkszeitung“ nicht ernſthaft anzukämpfen wagt, und das auch nicht kann, ohne ſich ſelbſt aufzugeben. Dieſe Macht aber iſt der Ultramontanismus.
Als es beim Beginn des ſogenannten Kulturkampfes für die Verfechter der Intereſſen und der Macht der kirch⸗ lichen Hierarchie galt, den Maßnahmen und Forderungen der Seehaant gegenüber das ganze„katholiſche Volk“ mobil zu machen und den Gegnern als gewaltigen, feſt Teegeſiehene aufs höchſte fanatiſierten und darum auch höchſt gefährlichen Heerbann entgegenzuwerfen, da wurden ſeitens des Klerus und der mit ihm verbündeten, gerade damals üppig ins Kraut ſchießenden ultramontanen und insbeſondere der ſogenannten Kaplanspreſſe aus den Arſenalen der Kirche und der katho⸗ liſchen„Wiſſenſchaft“ alle jene Waffen hervorgeholt, deren Gebrauch die„Zeitkrankheit“ des„falſchen Myſticismus“ naturnotwendig erzeugen und zu der jetzigen Höhe ausbilden mußte.
Tag für Tag konnte damals das katholiſche Volk in ſeinen„Zeitungen“, in„populären Schriften“ und Flug⸗ blättern aller Art leſen, und von der Kanzel herab wurde es ihm verkündigt, der Kulturkampf ſei das Werk der im Bunde mit dem Teufel ſtehenden Freimaurer und deren Ziel kein anderes, als die Vernichtung der katholiſchen Kirche und die Ausrottung des Glaubens an Gott. Wer ſich dem ultra⸗ montanen Machtgebot nicht unbedingt und in jeder Hinſicht unterwarf und mit den ultramontanen Heerführern durch Dick und Dünn ging, der wurde als„liberal“ gebrandmarkt und wem dieſes Brandmal aufgedrückt worden, der galt in den Augen des„gläubigen Volkes“, ganz im Sinne ſeiner Lehrer und Führer, nicht nur als ein ungläubiger, ſondern auch als ein gottloſer und ſittlich verworfener Menſch. Traf ſolch einen Mann oder einen ſeiner Angehörigen ein Unglück, wurde ein Mitglied einer ſolchen Familie von ſchweren Leiden heimgeſucht oder von jähem Tode hinweggerafft, dann ver⸗ maßen ſich die Redakteure der ultramontanen Blättchen und die Geiſtlichen auf der Kanzel, den Ratſchluß Gottes zu durchſchauen und den erſchreckten Gläubigen zu zeigen, wie die ſtrafende Hand Gottes, der„ſeiner nicht ſpotten laſſe“, hier gewaltet habe. Ganze Sammlungen von„Strafgerichten Gottes“, und„merkwürdigen Todesarten“, der Profan⸗ und Kirchengeſchichte wie dem täglichen Leben entnommen, er⸗ ſchienen, um zu beweiſen, wie die Rache des Himmels ſchon hier auf Erden alle getroffen, die es gewagt, die Kirche und die Geiſtlichkeit zu„verfolgen“. Ein wahrer Hohn auf Chriſti Wort:„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“
Dagegen ſollte ſich nach klerikaler Anſicht die Hilfe des Himmels namentlich in den zahlreichen Muttergottes⸗Erſchei⸗


