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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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gelinder Schrecken eingejagt wurde. Von Polizei war natür⸗ lich bei dem ganzen traurigen für unſere ‚Verteidiger des apoſtoliſch⸗katholiſchen Glaubens recht charakteriſtiſchen Vor⸗ kommnis weit und breit keine Spur zu erblicken. Herr Richter! Es handelt ſich um ein Verbrechen gegen§ 239 des Straf⸗ geſetzbuches. Man hat bisher nicht gehört, daß Strafver⸗ folgung gegen die Verüber des ſchändlichen Tumults ein⸗ geleitet wurde. Dagegen iſt das Gericht ſogleich bei der Hand, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, welche etwa vor einer vorüberziehenden Prozeſſion nicht das Haupt ent⸗ blößen. Die Preſſe des Auslandes wird von ſolchen Dingen Notiz nehmen, wird unſere katholiſchen Fanatiker mit Muham⸗ medanern und Türken vergleichen. Herr Richter! Wir erlauben uns ergebenſt um Aufklärung zu bitten, warum bisher nicht eingeſchritten wurde, und ob dies noch geſchehen wird. Wir geſtatten uns auch die Anfrage, ob in Spanien ein zwiefaches Geſetz gilt, eins für Katholiken, eins für Pro⸗ teſtanten.

Griechenland. Herr Profeſſor Kyriakos hat in der in Athen erſcheinenden angeſehenen ZeitungNeologos einen ausführlichen Bericht über den Wiener Altkatholikenkongreß erſcheinen laſſen und zwar auf Grund des einſchlägigen Berichtes im 21. Hefte der internationalen theologiſchen Zeitſchrift. Hievon nimmt nun dieſe letztere in ihrem neueſten Hefte Notiz und führt aus dem Schlußwort des Herrn Prof. Kyriakos folgende Gedanken an: Er(Kyriakos) habe den vorausgehenden ausführlichen Bericht mitgeteilt, weil er wiſſe, daß die Leſer des ‚Neologos in Griechenland und im griechiſchen Orient denſelben mit Intereſſe leſen werden, gemäß der lebendigen Sympathie, welche die altkatholiſche Bewegung bei ihnen ge⸗ nieße. Das ſchöne Schreiben des ökumeniſchen Patriarchen Konſtantinos an den Altkatholikenkongreß, in welchem er das Werk der Altkatholiken ſegnete und ſeine Wünſche für deſſen gedeihlichen Fortſchritt ausſprach, drücke die Gefühle aus, die faſt alle orthodoxe Orientalen für die Altkatholiken hegen. Es ſei auch gar nicht anders möglich, als daß dieſelben mit den Altkatholiken ſympathiſieren. Die ganze Stellung der Altkatholiken, alles was ſie bis jetzt gethan haben und was ſie erſtreben, die Urſache ihrer Separation und ihre Stellung den neuen vatikaniſchen Dogmen gegenüber, ihre Ueberein⸗ ſtimmung in Lehre, Verfaſſung, Kultus und Disciplin mit den Normen der alten Kirche, alles dieſes könne ihnen nur die Sympathie der Orientalen erwerben. Entſprechend ihren ſonſtigen Prinzipien haben ſie auch von Anfang an die Her⸗ ſtellung der kirchlichen Union zwiſchen der eigenen und der orientaliſchen orthodoxen Kirche geſucht, während ſie aber auch mit den anderen Kirchen, entſprechend dem Grundſatze: in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas, wenigſtens freundliche Beziehungen zu unterhalten ſuchten. Dieſem Beſtreben, die Verſöhnung und den Frieden unter den Chriſten zu befördern, dienen auch die internationalen Kon⸗ greſſe, wie desgleichen auch die Herausgabe der Revue inter nationale de Theologie.Iſt es fährt Herr Prof. Kyria⸗ kos dann fort angeſichts aller dieſer Dinge möglich, daß ein orthodoxer Chriſt gleichgültig bleibe gegen die Altkatho⸗ liken? Iſt es möglich, daß er nicht mit ihnen ſympathiſiere, daß er nicht Gott anflehe, ihre Kämpfe zu ſegnen, daß er nicht die Erreichung der von ihnen angeſtrebten, Gott wohl⸗ gefälligen Ziele wünſche? Gewiß müſſen der offiziellen kirchlichen Union der Orientalen und der Altkatholiken noch manche weitere Verhandlungen vorangehen. Das hindert aber nicht, daß wir die Altkatholiken ſchon jetzt als die unſerem Glauben am nächſten verwandten Brüder betrachten, weil ſie in den Grundlagen und im Weſentlichen mit uns überein⸗ ſtimmen. Orthodoxe und Altkatholiken ſtehen wir auf dem ſelben Boden, d. h. auf dem Grund der Beſtimmungen der ſieben ökumeniſchen Konzilien und der übereinſtimmenden Lehre der Väter der neun erſten Jahrhunderte, oder der alten Tra⸗ dition, alſo auf dem Prinzip: quod semper, quod ubique,

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quod ab omnibus creditum est. Die Alteatholiken ſollen überzeugt ſein, daß ſowohl in Griechenland als im ganzen orthodoxen Orient die Orthodoxen die freundlichſten Gefühle für ſie hegen, daß wir ſchon jetzt, wenn wir auch noch nicht eine Kirche ausmachen, gleichwohl mit ihnen durch die Bande brüderlicher Liebe verbunden ſind, und daß, indem wir ſie zu ihrem in Wien ſo glänzend durchgeführten letzten Kongreß beglückwünſchen, wir von Herzen die beſten Wünſche hegen für die Fortſetzung dieſer ihrer Thätigkeit, für ihr Starkſein im Kampf gegen den Papismus und für das Gedeihen ihrer Kirchen, für die raſche Erreichung der Union zwiſchen unſeren Kirchen wie für die von ihnen angeſtrebte Herbeiführung des Friedens und der Eintracht zwiſchen den Anhängern aller der verſchiedenen chriſtlichen Kirchen. Möge ihnen Gott in allen dieſen Dingen Helfer ſein!

Litteratur.

(Ein neues Flugblatt des Evangeliſchen Bundes.) Auf vielfach aus dem Schoße der Vereine geäußerte Wünſche iſt der Zentralvorſtand des Evangeliſchen Bundes im vorigen Jahre daran gegangen, kurze, gemeinverſtändliche und billige Flugblätter herauszugeben. Bisher erſchienen folgende vier:Die Caniſiusfeier in Freiburg,Der Diana⸗Vaughan⸗Schwindel, Die geiſtige Minderwertigkeit des Ultramontanismus und endlich vor kurzemDie Lehren des Syllabus(Leipzig, C. Braun, Preis für 1 100 Expl. 1 Pfg. pro Stück, 100500 Expl. 80 Pfg. pro Hundert, 500 1000 Expl. 70 Pfg. pro Hundert, je 1000 Expl. auf einmal bezogen 6 Mk.) In dieſem Flug⸗ blatt werden zunächſt kurz und ſchlagend die Lehren des Syllabus beleuchtet. Bei der vielfach vorhandenen Unkenntnis derſelben iſt die hier gegebene kurze Aufklärung ſehr dankenswert. Zu ernſtem Nachdenken ſtimmt der Schluß:Wie einſt die Bauern 12 Artikel auf ihre Fahne geſchrieben haben, ſo hat Pius IX. im Syllabus ſeinen Streitern eine Sturmfahne mit 80 Arti⸗ keln verliehen; ſie fordern die Unterwerfung des geſamten ſtaat⸗ lichen und bürgerlichen Lebens in allen ſeinen Regungen unter den römiſchen Oberprieſter. Vieles iſt ſchon erobert; anderes wird folgen; keine Forderung wird vergeſſen oder aufgegeben. Daß um der ſchlechten Zeiten willen dieſe oder jene Forderung zurückgeſtellt wird, darf uns nicht irre machen. Rom kann warten, aber nicht vergeſſen. Darum dürfen wir nicht Friede! rufen, wo offener Eroberungskrieg uns bedroht. Wir müſſen die Augen offen und das Schwert blank halten; und wir müſſen den berufenen Wächtern Arm und Auge ſtärken, damit nicht unſere geſamte nationale Kultur und Geiſtesbildung in Schutt und Aſche ſinke. Denn ‚der römiſche Papſt kann und darf ſich mit dem Fortſchritt, dem Liberalismus und der modernen Bildung niemals verſöhnen noch vertragen:(Nr. 80 des Syllabus.)

Einladung.

Am 26. Januar dieſes Jahres waren es 25 Jahre, daß der erſte altkatholiſche Gottesdienſt in Offenbach gefeiert worden iſt. Auf Veranlaſſung unſeres hochw. Herrn Biſchofs Dr. Weber haben wir die Gedächtnisfeier an dieſen denkwür⸗ digen Tag auf Sonntag, den 24. April, verlegt. Wir beehren uns unſere Glaubensgenoſſen und Freunde nah und fern, zumal in den Nachbargemeinden, hierzu freundlichſt ein⸗ zuladen.

Das Feſtprogramm iſt folgendes:

1. Feſtgottesdienſt 8 Uhr früh in der Stadtkirche mit Feſtpredigt unſeres hochw. Herrn Biſchofs Dr. Weber.

2. Gemeinſchaftliches Mittageſſen für Damen und Herren, mittags 1 Uhr im Saale des evangel. Vereinshauſes. Für Offenbach zirkuliert eine Liſte zum Einzeichnen. Auswärtige Gäſte belieben Anmeldungen rechtzeitig an Pfarrer Stein⸗ wachs zu richten.

3. Feſtverſammlung, abends 7 Uhr, im großen Saale des evangel. Vereinshauſes mit Anſprachen und reichem Programm.

Der Kirchenvorſtand.

Herausgeber und Redakteur: A. Gatzenmeier. Kgl. Hof⸗ u. Univerſitäts⸗Buchdruckerer von Dr. C. Wolf& Sohn in München.