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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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ſtellen aufzufinden. Und dieſe ſind jetzt wörtlich in den kürzlich von ihm veröffentlichten Vorträgen überDie Ent⸗ wicklung der katholiſchen Kirche im 19. Jahrhundert ab⸗

gedruckt. Hier heißt es S. 73 f.: Ganz ungeſcheut war auf der Katholikenverſamm⸗ lung 1851 eben nach dem Olmützer Friedensſchluß vom

Präſidenten Buß als letzter Zweck derſelben in Deutſchland ausgeſprochen worden, durch den Sieg über die Preußen müſſe der Proteſtantismus zur Anerkennung der Kirche und des Papſtes gezwungen werden. Steht unſer Radetzky in Berlin, ſo iſt die Burg des Proteſtantismus gefallen. Das ſei vorerſt durch dieſen Frieden vereitelt. ‚Aber die Kirche raſtet nicht, und mit den Mauerbrechern der Kirche werden wir dieſe Burg des Proteſtantismus langſam zerbröckeln müſſen. Wir werden in den vorgeſchobenſten norddeutſchen Diſtrikten die zerſtreuten Katholiken ſammeln und mit Geld mitteln unterſtützen, damit ſie den Katholizismus erhalten und Pioniere nach vorwärts werden. Mit einem Netz von katholiſchen Vereinen werden wir den altproteſtantiſchen Herd in Preußen von Oſten und Weſten umklammern und durch eine Unzahl von Klöſtern dieſe Klammern befeſtigen und damit den Proteſtan⸗ tismus erdrücken und die kath. Provinzen, die zur Schmach aller Katholiken der Mark Brandenburg zugeteilt worden ſind, befreien und die Hohenzollern unſchädlich machen.:(Aus einer Rede des Miniſters Falk 7. Mai 1875 bei Hahn, Geſchichte des Kulturkampfes in Preußen, S. 187.)

* München. Das Vorgehen des Evangeliſchen Bundes gegen den preußiſchen Geſandten beim Vatikan wegen ſeiner Beteiligung an der ultramontanen Sonderfeier von Kaiſers Geburtstag in Rom und der darauf erfolgte Beſcheid des Staatsſekretärs des Auswärtigen Amts hat die Vereine und ihre Mitglieder naturgemäß ſehr beſchäftigt. Eine Anzahl Haupt⸗ und Zweigvereine hat dem Vorſitzenden des Zentralvor⸗ ſtandes, Grafen von Witzingerode, den Dank für das Auftreten des Zentralvorſtandes ausgeſprochen und das Gelübde treuer Anhänglichkeit erneuert. Und nicht bloß Vereine des Evang. Bundes haben ſich zuſtimmend ausgeſprochen, auch andere Vereine oder Perſönlichkeiten haben dem Zentralvorſtand ihre volle Zuſtimmung und ihren freudigen Dank ausgeſprochen, z. B. die Gladbacher Pfarrkonferenz.

Berlin. In dankenswerter Weiſe gibt die ultramontane Schleſiſche Volksztg. über die nächſten Ziele der römiſchen Propaganda in der deutſchen Reichshauptſtadt Aufſchluß. Nachdem das Blatt der Einweihung der Ludwigskirche ge⸗ dacht hat, fährt es fort:

Es iſt indeſſen hervorzuheben, daß hiemit zur Abhilfe der eigentlichen Kirchennot nicht allzuviel erreicht iſt. Die Kirchen⸗ not zeigt ſich weniger im Weſten, wo die Ludwigskirche liegt, als im Norden und Oſten, wo dichtgedrängt die katholiſchen Arbeitermaſſen polniſchen und deutſchen Stammes wohnen. Trotz⸗ dem iſt die Erbauung der Ludwigskirche ja hocherfreulich, denn im Weſten fängt jetzt die Bebauung im großen Stile an. Nach zehn Jahren hätten wir dort alſo doch eine Kirche bauen müſſen, nur wäre dann der Bau unendlich viel teurer gekommen.... Die weitere Entwicklung der Stadt im Weſten können wir alſo vorläufig ruhig an uns herankommen laſſen; deſto mehr muß jetzt im Oſten geſchehen. Es iſt erfreulich, daß der unermüd⸗ liche Generalſekretär der Arbeitervereine Dr. Hille jetzt ein Antoniuskirchlein baut, aber nicht nur mehr Gotteshäuſer ſind erforderlich, ſondern ſpeziell auch eine weitere Zerlegung der Gemeinden. Ganz beſonders dringlich erſcheint dieſe Aufgabe in der Rieſengemeinde St. Michael, wo annähernd 40 000 Men⸗ ſchen als Quaſiparochie um eine Kirche flattern.... In Kreiſen der Gemeindeglieder neigt man vielfach der Anſicht zu, daß es am beſten wäre, ſofort eine Dreiteilung der St. Michaels⸗ gemeinde vorzunehmen. Außer dieſer Gemeinde bedarf aber auch die St. Piusgemeinde, deren neue Kirche erſt vor ein paar Jahren eingeweiht worden iſt, der Teilung, und ebenſo ſollte man nur gleich die Herz⸗Jeſugemeinde teilen, obſchon

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ihre Kirche noch nicht einmal fertig iſt. Die abgetrennte Hälfte der Gemeinde könnte ſich dann gleich eine Notkirche bauen. Im Zuſammenhange mit der ſehr aktuellen Teilungsfrage der Oſtgemeinden ſteht natürlich die Vermehrung der geiſtlichen Kräfte, welche ebenfalls im Oſten beſonders dringlich erſcheint. Immer lauter treten die Wünſche der Gemeindeglieder nach Geſtattung einer Ordensniederlaſſung hervor, obſchon in einer Weltſtadt wie Berlin ja Weltgeiſtliche infofern auch ihre Vor⸗ züge haben, als ſie ſich mehr an der hier ſo dringend not⸗ wendigen Vereinsthätigkeit beteiligen können. Jedenfalls haben aber die bisherigen Erfahrungen gelehrt, daß Weltgeiſtliche nicht in genügender Zahl zu beſchaffen ſind und ſo wird nichts weiter übrig bleiben, als auf Geſtattung einer Ordensnieder⸗ laſſung hinzuwirken.

Inzwiſchen hat die Grundſteinlegung derHerz⸗Jeſu⸗ Kirche in der Fehrbellinerſtraße ſtattgefunden. In Rixdorf bei Berlin iſt die Roſenkranzkirche eingeweiht worden. Die Germania berichtet triumphierend:

Bei der Einweihung waren alle katholiſchen Gemeinden durch Abordnungen vertreten und unſere Vereine waren ſo zahl⸗ reich wie kaum je zuvor mit ihren farbenprächtigen Fahnen und Bannern zur Feier erſchienen, die bei der Bewohnerſchaft Rixdorfs, die in dichten Reihen die Bürgerſteige der Straßen, welche der Feſtzug durchſchritt, beſetzt hielten, großes Aufſehen erregte. Der Feſtzug war in der That ſo großartig, wie ihn Rixdorf kaum je zuvor geſehen haben dürfte.

Wir wollen hier nur die Vereine aufzählen, die im Zug ſich befanden: Der Jungfrauenverein St. Agnes, der Aloyſius⸗ verein von St. Michael, der Arbeiterverein Rixdorf vollzählig, die Bruderſchaft vom hl. Altarsſakrament, der Michaelverein Rummelsburg, der geſellige Verein Konkordia, der Arbeiter⸗ verein Charlottenburg, der Winfried⸗, Unitas⸗, Matthias⸗ und Joſefsverein(Steglitz), der Arbeiterverein Pius, die Kon⸗ kordia, geſelliger Verein katholiſcher Kaufleute, der Joſefverein der Matthiasgemeinde, der geſellige Paulus- und Piusverein, der Arbeiter⸗ und geſellige Verein St Sebaſtian, der Arbeiter⸗ verein Reinickendorf, der Johannesverein, der Militärverein Mauritius, der Geſellenverein, die Arbeitervereine St. Michael, Köpenick, Weißenſee, Südweſt und Norden, der Bonifatius⸗ verein, der Meinrad- und Meiſterverein, der Geſellenverein Charlottenburg, der Leoverein Friedrichsberg und der Urſula⸗ verein. Man ſieht: die römiſche Kirche arbeitet rührig auf dem märkiſchen Sande und ſucht den Berlinern, die immer dabei ſind,wo etwas los iſt, nach Kräften zu imponieren. Inzwiſchen iſt zu den vorhandenen Kirchen noch eine neue gekommen, die Eliſabethkapelle des Afraſtiftes in der Graun⸗

ſtraße. Für den Bau weiterer Kirchen wird eifrigſt von der geſammten ultramontanen Preſſe Deutſchlands ge⸗ ſammelt.

Kattowitz. Beim Abbruch der alten baufälligen alt⸗

katholiſchen Kirche fanden ſich zwei ſogenannte Altaria por- tatilia(tragbare Altäre) mit Reliquien von 4 Heiligen. Dieſe Reliquientafeln, mit den Weiheurkunden der Breslauer Weihbiſchöfe Bogedain und Wlodarski aus den Jahren 1851 und 1861 verſehen, hatte im Jahre 1871, als dieſe Kirche ſeitens des römiſchen Kirchenvorſtandes an die altkath. Ge⸗ meinde zum Abbruch verkauft wurde, der damalige Curatus, jetzige Erzprieſter Herr Schmidt in Kattowitz zu bergen ver⸗ geſſen. Pfarrer Müller erſtattete, nach dem altk. Volksbl., über den gemachten Fund Bericht an den Herrn Biſchof Dr. Weber mit der Bitte um Angabe, was mit den Reliquien geſchehen ſolle. Herr Biſchof Dr. Weber erteilte dem Pfarrer die Weiſung, die Reliquien dem fürſtbiſchöflichen Stuhle zu Breslau, von wo ſie ſtammen, unentgeltlich zur Verfügung zu ſtellen. Pfarrer Müller kam dieſer Weiſung nach und ſtellte die Re⸗ liquien in einem Schreiben vom 25. März dem Herrn Kar⸗ dinal Kopp zu Breslau zur Verfügung. Der Kardinal hat

von dem Anerbieten Gebrauch gemacht und das hieſige römiſch⸗ katholiſche Pfarramt beauftragt, die Reliquien beim Pfarrer