Hier folgt das Apoſtolikum in ſeiner Lehre vom Glauben an Jeſus Chriſtus dem Ausſpruche des Herrn an ſeine Jünger: „Ihr heißt mich Herr und habt recht, ich bin es“(Joh. 13, 13). Er iſt der„Fürſt unſeres Heiles, der Herzog unſerer Seligkeit“(Hebr. 2, 10), dem wir als unſerm Herrn zu hul⸗ digen haben. Dies ſchulden wir ihm ſchon als dem einzigen Sohne Gottes, der unſer Erſtling iſt, ohne weiteres; dies ſchulden wir ihm übervollends, weil er, unſer Erſtling, da wir geknechtet waren, uns losgekauft hat(Röm. 3, 24), unſere Schuldſchrift ans Kreuz nagelte(Kol. 2, 14), uns reinigte zu ſeinem Eigentumsvolke(Tit. 2, 14). Demgemäß durch⸗ zieht der Ausdruck„Jeſus Chriſtus unſer Herr“ das ganze Neue Teſtament.
Wenn wir nun Jeſus Chriſtus als unſern Herrn be⸗ kennen, bekennen wir ihn dadurch zugleich als Gott? Jeden⸗ falls„zum Preiſe Gottes“ nach der dahin gehenden aus— drücklichen Hervorhebung des Phil perbneſes(Phil. 2 1 1). An ſich liegt in dem Bekenntniſſe zu Jeſus Chriſtus ai unſerm Herrn das Bekenntnis zu ihm als Gott⸗Herrn noch nicht. Dies ergibt auch die erſte Predigt von ihm in dem Worte des Petrus:„So erkenne nun das ganze Haus Israel, daß Gott ihn zum Herrn und Chriſtus gemacht hat.“
Oder wäre ein göttliches Herrſein Chriſti zu finden in jener Stelle, die ihn Porführt, als die Phariſäer wider ihn verſammelt waren?„Da frug Jeſus ſie: Was dünkt euch von Chriſtus, weſſen Sohn iſt er? Sie antworteten: Davids. Darauf ſprach er zu ihnen: Wie nennt ihn denn David im Geiſte Herr, da er ſagt: Der Herr hat geſagt zu meinem Herrn, ſetze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Wenn nun David ihn Herr nennt, wie iſt er ſein Sohn?“(Matth. 22, 41—45). Zielte Jeſus mit letzterer Frage auf das Gottſein des Chriſtus, auf ſein eigenes Lüetſhes Herrſein? Dies darin zu finden, hält ſchwer, zumal bei Zuläſſigkeit der Annahme, daß der Herr ſchon ein geſchöpfliches Vorſein gehabt hat, bevor er im Fleiſche kam. Denn als Gott iſt er mit den anderen gött⸗ lichen Perſonen doch jener, der ſo zu Davids Herrn (Chriſtus) geſprochen hat. Aber Davids Herr iſt auch mehr als Davids Sohn. Davids Sohn iſt der Herr bloß„dem Fleiſche(ſeiner leiblich⸗organiſchen Seite) nach, geſetzt aber mit Macht als der Sohn Gottes“(vgl. Röm. 1, 3 ff.), der „eingeborene, eigene, erſterzeugte“; und alſo mit Macht ge⸗ ſetzt, iſt er auch David gegenüber der Herr, war er deſſen nächſter Herr,„ſein Herr“, wie er der unſrige iſt.
Sonach erblicken wir ihn auch bei jener Frage an die Phariſäer nicht als Gott, ſondern als Herrn, der Menſch iſt wie wir unter„ſeinem und unſerm Vater, ſeinem und unſerm Gotte“(Joh. 20, 17), von dem er jedoch entſprechend über uns erhöht iſt: er der in ſeinem menſchgeſchöpflichen Vorſein ſofort Herrliche in der Herrlichkeit beim Vater vor der We di Gnandiegung(ogl Joh. 17, 3 f. 24),— er, nachdem er im Fleiſche gekommen, der„Herr der Erde“ Gff. 11, 4), „König der Könige und Herr der Herren, auf deſſen Haupte viele Diademe“, wenn er wiederkommt(Off. 19), inſonderheit der Herr der Jünger und deren, die durch ihr Wort an ihn glauben(Joh. 17, 20), die„glauben und getauft ſind“ (Mark. 16, 16),— er unſer, der Chriſten, Herr, dem wir, alſo zur Folge aufgerufen, nachgehen müſſen.— Die dieſem ſeinem Hierſein ſich weiter an ſchüependen Fragen ſind zu der ſpäteren Angabe„ſitzt zu Rechten Gottes, des Vaters, des Allmächtigen“ zu verfolgen. Nur dann auch auf dieſen unſern Herrn, den Menſchen Chriſtus Jeſus(1 Tim. 2, 5), in dem das„Wort Fleiſch geworden,“ geht, womit das Apoſtolikum fortfährt. Nachdem es nämlich bis hierhin zuvor in großen allgemeinen Zügen den Herrn vorgeführt hat, wo⸗ bei die vorausſtehenden Schriftſtellen auch namentlich ſein menſchgeſchöpfliches Vorſein ergeben, tritt es nunmehr im be— ſonderen an ſein„Kommen im Fleiſche“ heran:
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der iſt empfangen vom hl. Geiſte, geboren aus Maria der Jungfrau.
Eheiheni erzählen die Evangelien Matth. 1 und Luk. 1 und 2. Am vollſtändigſten wird hier das Apoſtolikum gedeckt durch Lukas, der insbeſondere die Antwori mitteilt, die Maria dem Verkündigungsengel gab:„Wie ſoll das geſchehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Mag dies Wort verſtanden werden in dem Sinne„da ich keinen Mann weiß“— nämlich daß Maria für das Kommen des Chriſtus das nicht wußte, was an Stelle des erzeugenden Mannes trete— oder in dem Sinne„da ich keinen Mann anerkenne“— nämlich, daß ſie der ihr gewordenen Verkündigung bereit ſei, aber ohne Mann, indem ſie ſich Gott zur Jungfräulichkeit verlobt habe—: ſo hat ſchon Maria ſelbſt auf die Empfängnis Chriſti ohne Mann hingezeigt. Daß Chriſtus ſo in der That geboren werden ſollte, beſtätigte dann der Engel durch die Worte:„Der hl. Geiſt wird über dich kommen... darum wird auch das Heilige, das erzeugt wird, Sohn Gottes genannt werden.“ Ganz damit übereinſtimmend iſt Matth. 1 geſagt:„Als Maria mit Joſeph verlobt war, fand ſichs, daß ſie ſchwanger war vom hl. Geiſte“, und dann hervorgehoben, daß durch Chriſti Ge⸗ burt erfüllt worden die Weisſagung:„Siehe, eine Jungfrau wird ſchwanger ſein und einen Sohn gebären“
Das alles zuſammenfaſſend, hat das Apoſtolikum dem „empfangen vom hl. Geiſte“ die Worte„ohne Mann“ nicht ausdrücklich beigeſetzt, wie es namentlich nach dem Lukas⸗ berichte hätte geſchehen können, eingeſchloſſen jedoch dasſelbe gegeben, indem es dem„geboren aus Maria“ das Wort„der Jungfrau“ anfügte— letzteres in Uebereinſtimmung mit Matth. 1, auch ferner mit der Erzählung bei Lukas, daß der Engel zu einer„Jungfrau“ geſandt worden ſei.
Obſchon nun gerade Lukas als der hiſtoriſche unter den Evangeliſten daſteht, iſt doch die Auffaſſung hervorgetreten, hier ſei von ihm ein Mythus aufgenommen. Alles Be⸗ gleitende bei Lukas trägt keinerlei mythiſches Gepräge— wie ſolches noch eher für das erſte Evangelium angenommen werden könnte, namentlich wegen der ihm eigentümlichen Er⸗ zählung von dem Sterne der Magier. Lukas hat geſchrieben, nachdem er erſt bei vielen zuvor geforſcht hatte und zwar bei ſolchen, die von Anfang Augenzeugen und Diener des Wortes waren(Luk. 1, 1— 4). Soll er das hier nicht ge⸗ than haben? Iſt ihm hier nicht gar jene lauterſte Augen⸗ zeugin und Dienerin des Wortes, die Mutter des Herrn ſelbſt, die Quelle für ſeine Erzählung geweſen?(vgl. Luk. 2, 19. 51.)
Jeſus Chriſtus,„vom hl. Geiſte empfangen, geboren aus Maria der Jungfrau“, das— und zwar nicht mythiſch genommen— iſt dann auch alle chriſtlichen Zeiten hindurch das allgemein herrſchende Glaubenswort geweſen: unſer holdes Weihnachtswort, ſoweit es auf die leibliche Geburt von der jungfräulichen Mutter geht,— ſoweit es aber auf die dem vorgängige Empfängnis vom hl. Geiſte geht, ein Wort, das der von Chriſtus geforderten Wiedergeburt des Menſchen als deren hehrſter Anfang vorausſteht.(Fortſetzung folgt.)
Korreſpondenzen und Berichte.
München. Der lange verſtorbene badiſche Hofrat Buß war ein Ultramontaner der ſchwärzeſten Sorte, aber dabei von der größten Naivetät, ſodaß er auch die geheimſten Ge⸗ danken preisgab, unter anderen über die letzten Ziele des Ultramontanismus in Deutſchland, welche auf den Fall der Burg des Proteſtantismus und auf die Unſchädlichmachung der Hohenzollern hinausgingen. Als vor einiger Zeit die Proteſtanten aus mündlichen Erinnerungen auf dieſe Aeuße⸗ rungen zurückkamen, beſtritten die rtrmnprtauc denen natür⸗ lich ein ſolches Aufdecken ihrer Karten höchſt unangenehm ſein muß, daß Hofrat Buß je ſolche enßstideſ gethan habe. Nun iſt es aber Herrn Prof. Dr. Sell gelungen, die Beweis⸗


