Studien praktiſche am Reichskammergericht folgen laſſen, aber der alte Wunſch ſeines erſten Lehrers, daß der Schüler dermal⸗ einſt ein namhafter Juriſt werden möge, iſt durch die Diſſer⸗ tation ſeiner Verwirklichung näher gerückt worden. Nach einigen Bemerkungen, die ſich in der Hauptſache auf das Frankfurter Recht beziehen, ſchließt das Schreiben mit den üblichen Glück⸗ wünſchen zu der ausgezeichneten Leiſtung des Kandidaten.
Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß man die Höflichkeiten Kayſers und Senckenbergs nicht durchaus als ſachliche Urtheile auffaſſen darf. Wer die Bedeutung der Goethe'ſchen Diſſertation ganz ermeſſen wollte, müßte eine ſorgfältige dogmengeſchichtliche Unter⸗ ſuchung der einſchlagenden Materien vornehmen; er müßte prüfen, wie ſich die Lehre von der Erbſchaftsantretung und den verwandten Inſtituten vor dem Jahre 1738 darſtellte und welche Aenderungen ſie ſeitdem erfahren hat. Uns modernen Juriſten iſt der Inhalt des erſten Theils ſo geläufig, daß er uns in der Hauptſache faſt als ſelbſtverſtändlich h erſcheint. Aber auch wenn ſchon die Zeitgenoſſen ein derartiges Urtheil hätten fällen müſſen, ſo bliebe der Arbeit doch immer das Verdienſt derſtreng logiſchen Syſtematiſierun ag, der außerordentlichen Klarheit der D Darſtellung, der Fülle des im zweiten Theile herangezogenen Materials, der vortrefflichen Trennung zwiſchen gemeinrechtlichen und parti⸗ kulären Erſcheinungen Vorzüge, welche ſie unter allen Um⸗ ſtänden als eine ſehr tüchtige L Leiſtung charakteriſieren. So ſagt denn auch„Johann Wolfgang Goethe im erſten Buche von Wahr⸗ heit und Dichtung, daß des Vaters mit Ernſt und Fleiß ver⸗ faßte Diſſertation noch von den Rechtslehrern mit Lob angeführt werde. 2 Wer einen Blick in die überaus reiche, aber zumeiſt ſeichte Diſſertationenliteratur des vorigen Jahrhunderts gethan hat, weiß, was ein derartiges Fortleben bedeutet.
Als durchaus ſelbſtverſtändlich und bekannt muß alſo unſern juriſtiſchen Urgroßvätern der Inhalt der Diſſertation nicht er⸗ ſchienen ſein. Hierfür ſpricht auch ein anderer Umſtand, der der Kunrivſität wegen erwähnt ſein möge.
Das auf der Gießener Univerſitätsbibliothek befindliche Exemplar enthält zahlreiche handſchriftliche Hervorhebungen wichtiger Punkte, auf S. 76 aber auch eine polemiſche Rand⸗ bemerkung. Im Texte ſagt hier der Verfaſſer, daß der Erbe nicht
¹) Vergl. dazu Goethe's Briefe an Eichſtädt, herausgegeben von Biedermann 1872. S. 175, 176, 312, und die Nachweiſungen v. Loeper’s in der Hempel'ſchen Ausgabe, Anm. 38 zu Wahrheit und Dichtung.


