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Johann Kaspar Goethe als Gießener Doktorand / von Dr. Reinhard Frank, Professor der Rechte in Gießen
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Johann Kaspar Goethe als Gießener Doktorand.

. 15,755 4. e Von Dr. Reinhard Frank, Profeſſor der Rechte in Gießen.

Die Diſſertation.

Bekanntlich gibt es Menſchen, denen für gewiſſe Erſchei⸗ nungen in der Kunſt, der Wiſſenſchaft oder dem täglichen Leben jeder Sinn fehlt. Der eine iſt durchaus unmuſikaliſch, der andere findet hiſtoriſche Studien unverſtändlich, der dritte begreift es nicht, wie Jemand mit ſeinen ſozialen Verhältniſſen unzufrieden ſein kann. Aehnlich iſt es mir mit der Goethephilologie er⸗ gangen. Seit meiner Oberſekundanerzeit ſchwärme ich für Goethe ſo heiß wie vielleicht wenige Sterbliche, aber unverſtänd⸗ lich iſt es mir ſtets geweſen, wie Jemand die ganze Kraft ſeines Lebens daran ſetzen kann, um herauszubringen, welche äußere Umſtände den Altmeiſter zu dieſem oder jenem ſeiner Gedichte veranlaßt haben, in welchen Verhältniſſen ſeine Vettern und Baſen lebten, ob ſein Vater ein Jahr früher oder ſpäter das Verſtändniß für die Eigenart ſeines Sohnes verloren hat und was derartige Fragen derWiſſenſchaft mehr ſein mögen.

Und doch ich muß es geſtehen zitterten meine Hände, als ich aus dem Regal unſerer Univerſitätsbibliothek die Diſſertation herausnahm, die im Jahre 1738 Johann Kaspar Goethe die Würde eines Doctor iuris utriusque eintrug. Ein Fund war es gerade nicht, den ich in jenem Augenblick machte. Denn einmal hatte mich Alfred Bock ausdrück⸗ lich auf die Diſſertation hingewieſen, und dann iſt ſie der literar⸗ hiſtoriſchen Welt ſchon längſt aus GoethesWahrheit u. Dichtung, aus ſeinen Briefen an Eichſtädt und andern Berichten bekannt.

Ich ſagebekannt, muß aber ſogleich hinzufügen: ſo be⸗ kannt wie überhaupt unſerem vielſeitig intereſſierten Publikum juriſtiſche Werke zu ſein pflegen. Man weiß vielleicht etwas von ihrer Exiſtenz, man hat ſich auch flüchtig über das Thema orientirt, im übrigen aber gilt der Satz: iuridica sunt non leguntur heute gerade ſo gut wie im Mittelalter der ent⸗ ſprechende für die griechiſche Literatur. Mit allem Möglichen

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Separat⸗Abdruck aus der Frankfurter Zeitung.