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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
Entstehung
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Blinden ſpazieren. Mit der Zeit kam immer mehr Sani⸗ tätsperſonal ins Lager.

So kam wieder Weihnachten heran, doch das ſchöne Feſt verging, wie jeder gewöhnliche Tag. Einen Baum hatten wir nicht, ebenſo erhielten wir auch keine Liebes⸗ gabenpakete.(Wie ich ſpäter in Holland erfuhr, war von dem holländiſchenRoten Kreuz für jeden Kriegsgefange⸗ nen ein Paket mit 20 Zigarren oder 60 Zigaretten ab⸗ geſandt worden. Wo die Pakete geblieben ſind, weiß ich heute noch nicht). Ende Dezember ließ uns der Kommandant ſagen, daß der Austauſch in den erſten Tagen beginnen würde. So wurden auch am 29. Dezember die erſten Ge⸗ fangenen, die mit dem Transport abgehen ſollten, verleſen. Vom Sanitätsperſonal wurden 30 Mann mitverleſen. Es waren etwa 200 Invaliden. Wann jedoch der Transport weggehen ſollte, war noch unbeſtimmt. Das alte Jahr ging ins neue über und eine neue Überraſchung wurde uns zu teil, als wir am 1. Januar Pferdefleiſch zu eſſen bekamen, welches uns bei unſerem großen Hunger gut mundete. Am 6. Januar ging dann der erſte Transport ab. Wir freu⸗ ten uns nun alle, daß endlich einmal ein Anfang gemacht war. Am 23. Januar folgte der zweite Transport.

Am 24. Januar ereignete ſich in unſerem Lager ein ſchreckliches Vorkommnis. Ein Sanitätsunteroffizier wurde mitten im Lager ohne irgendwelchen Grund und ohne jede Warnung abgeſchoſſen. Er hatte doch keinen Fluchtverſuch oder dergleichen unternommen. Als der Kommandant er⸗ ſchien und unſer Lagerälteſte ihm den Vorfall genau er⸗ klärte, lachte er und ging ſeines Weges weiter. Der Poſten wurde jedoch ſofort abgelöſt. Glücklicherweiſe war die Ver⸗ letzung des Sanitätsunteroffiziers leicht. Er hatte einen

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