Druckschrift 
In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen

mit ungeheuerlicher Geſchwindigkeit fuhren wir nach der etwa 20 Meilen entfernt liegenden nächſten Station, um hier den Zug noch zu erreichen, was dem Führer des Wagens auch gelang. Kaum waren wir in den Zug ein⸗ geſtiegen, ſo fuhr er auch ſchon ab. Unſere Begleitmann⸗ ſchaft beſtand aus 8 Mann, darunter 1 Sergeant. All⸗ mählich verſchwanden die ſchottiſchen Berge unſeren Blicken und man ſah wieder nach langen Monaten ebenes Land, andere Gegenden und andere Menſchen. Die Fahrt dauerte etwa 12 Stunden. Der Sergeant erklärte uns, wir kämen erſt in ein Sammellager nach Prokton. Es war ſchon ziemlich dunkel, als wir ankamen. Während der Fahrt erhielten wir aber nichts zu eſſen.

An einer kleinen Station hielt der Zug und wir ſtiegen aus. Nach etwa 1ſtündigem Marſche kamen wir in das Sammellager, doch was ſahen wir hier? Dort gingen einige auf Krücken, andere ſpazierten am Arme des Freundes, es waren diejenigen, denen das Augenlicht ge⸗ raubt war. Wir wurden in eine große Halle geführt, wo unſere Taſchen unterſucht wurden. Sodann wurden wir auf die Baracken verteilt. Solch ein Elend, wie hier, hatte ich mir doch nicht vorgeſtellt. Das Lager war von etwa 600 Invaliden belegt, welche ſchon etwa 6 Wochen ohne jede Hilfe und Pflege geſchmachtet hatten. Sie mußten ſich ſelber kochen, waſchen und ihre Baracken rein halten, was ihnen ſehr ſchwer ſiel, waren es doch nur Blinde, Einbeinige und Einarmige. Wir waren die erſten geſunden Leute, die in das Lager hinein kamen. Welche Freude unter unſeren armen Kameraden herrſchte, läßt ſich denken. Die Engländer hatten ſich wenig oder gar nicht um ſie gekümmert. Der ſeitherige Lagerälteſte, ein Invalide, wel⸗

34

j‚