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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
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fahrt war deshalb nicht zu denken. Die Motorboote wurden an den Strand geſchleudert, wo ſie völlig zerſchellten. Wir warteten eine Stunde, aber je länger wir warteten, deſto heftiger wurde das Wetter. Was nun machen! Man machte ſich daran, den Weg um den See herum zu Fuß zurückzulegen. Man watete durch ſumpfigen Boden. Ge⸗ birgsbäche he, die zu kleinen Flüßchen angeſchwollen waren, mußten, da keine Brücke vorhanden war, durchquert werden. Unſere Poſten, die meiſt über 50 Jahre alt waren, waren die erſten, die zuſammenbrachen, aber wir halfen ihnen. Nach und nach wurde auch unſer Trupp ganz verſtreut. Jeder ſuchte ſeinen eigenen Weg. Dazu wütete noch immer der Sturm, der uns umzuwerfen drohte. Es war ein mühevoller Weg, nur langſam kam man vorwärts. Ich war mit noch drei Kameraden ganz allein; die anderen hatten wir aus dem Auge verloren. Wir mußten uns alſo den Weg nach dem Lager allein ſuchen. Nach etwa 2ſtün⸗ digem Marſche gelangten wir an ein Schäferhaus. Wir baten den Schäfer, uns für ein paar Minuten aufzuneh⸗ men. Die Frau weinte vor Angſt als ſie uns ſah. Doch wir beruhigten ſie bald und erklärten ihr unſere Lage. Sie wurde nun zutraulicher und gab uns etwas warmen Tee zu trinken, welcher uns in unſerem Zuſtande ſehr zu ſtatten kam. Nun machten wir uns wieder auf die Suche nach dem Weg. Zuletzt wußten wir aber nicht mehr, wo wir waren. Es war ſchon gegen 8 Uhr abends und völlig dunkel. Plötzlich tauchte ein Scheinwerfer in großer Ent⸗ fernung vor uns auf. Wir erkannten alsbald, daß dieſer auf dem Berg hinter unſerem Lager aufgeſtellt war. Wir hatten den Sturm nun im Rücken und konnten unſere Schritte etwas beſchleunigen. So erreichten wir auch als⸗

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