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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
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Um 12 ½ Uhr wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Die Poſten ſelbſt kümmerten ſich um uns wenig, nux Serge⸗ anten, die dazu beauftragt waren, trieben uns hin und wieder zur Arbeit heran. Wenn einer erwiſcht wurde, daß er ſeine Arbeit ruhen ließ, um etwa Atem zu ſchöpfen, wurde er mit 14 Tagen Arreſt bei Waſſer und Brot, ſo⸗ wie zur unbezahlten Arbeitsleiſtung beſtraft. Um 8 Uhr wurde Feierabend gemacht und wir waren immer froh, wenn wir den Rückweg antreten durften. Es wurde wieder gezählt und heimwärts ging es. An dem Tore des Lagers wurden wir von drei, oder gar mehr Offizieren, ebenſo Sergeanten und Korporälen nochmals gezählt. Ich habe ſogar mehrmals beobachtet, daß uns 14 Mann oder noch mehr zählten, und bis ſie ſchließlich fertig waren, war ent⸗ weder einer zu viel, oder einer zu wenig; geſtimmt hatte es nie, meiſtens geſchah dies durch allerlei Scherze unſerer⸗ ſeits. So wurden wir dann auch im Lager etliche Male gezählt, bis die Anzahl endlich geſtimmt hatte.(Ich glaube, in einem deutſchen Gefangenenlager kann dies nicht vor⸗ kommen).

An der Poſthütte hing die Paketliſte aus. Wohl dem Glücklichen, der darauf ſtand. Die anderen zogen mit ei⸗ nem enttäuſchten Geſichte ab. Vielleicht wurden ſie durch ein Briefchen aus der Heimat für dieſe Enttäuſchung ent⸗ ſchädigt. Von jeder Hütte begab ſich dann einer zur Poſt, um etwa vorhandene Briefe abzuholen, die dann von dem Empfänger 34 Mal durchgeleſen wurden. Um 6 Uhr ertönte dann das Zeichen zum Eſſenholen und ſchnurſtracks rannte einer zur Küche und kam dann mit einem Eimer voll dünner Reisſuppe zurück. Es ſchmeckte aber, denn die Arbeit da draußen hatte den Hunger gefördert. Um richtig

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