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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
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kam pro Woche 1 Ctr. Dank den Bemühungen unſeres Lagerälteſten wurden endlich in der Woche zwei mal Kohlen geliefert. Die Kälte nahm aber immer mehr zu und dichter Nebel, bei dem man auf 2 m Entfernung niemand er kennen konnte, war keine Seltenheit.

Die Weihnachtszeit rückte näher. Unſere Hoffnung, Weihnachten zu Hauſe verleben zu können, war dahin. Man traf Vorbereitungen für dieſes ſchöne Feſt. Der Chriſtliche Verein junger Männer, der übrigens ſehr viel für die deutſchen Kriegsgefangenen tat, ſtiftete Chriſtbäume, ſowie Schmuck und Kerzen. Jede Baracke erhielt einen Baum. Unter welcher Stimmung all dieſe Vorbereitungen getroffen wurden, kann ſich ein jeder denken. So kam der Heilige Abend heran. Zu unſerer großen Freude wurde jedem ein Paket, welches vonIhrer Majeſtät, der deut

ſchen Kaiſerin geſtiftet war, überreicht. Die bereits an⸗

gekommenen Weihnachtspakete der Angehörigen, welche noch unberührt waren, wurden hervorgeholt, um dadurch dem Feſte einen fröhlicheren Charakter zu verleihen. Man ver⸗ teilte alles brüderlich untereinander. Doch die fröhliche Stimmung hielt nicht lange an, die Gedanken waren zu

ſehr mit den Lieben in der Heimat beſchäftigt. Unaufhör⸗ lich quälte ſich das Gehirn, und Sehnſucht und Heimat⸗ verlangen bangte in allen Herzen ſtärker denn je. In einer Ecke, den Kopf in die Hände geſtützt, ſaß der bärtige Landwehrmann. Er war der einzige unter uns, der Weib und Kinder zu Hauſe hatte. Da zitterte in das Schweigen ein Geigenton, zag und erträumt, wie wenn eine liebkoſende Hand über die Seiten ſtreicht. Leiſe Klänge ſchwebten durch die Hütte und ſchmeichelnder klang das deutſche Lied: O du fröhliche, o du ſelige.... Da

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