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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
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einen Jahrmarkt verſetzt. So konnte man allerlei Be⸗ obachtungen machen. Nachmittags gegen 5 Uhr marſchierten wir wieder nach dem Hafen zu. Wir wurden nicht mehr ſo beläſtigt, da ſich die Mannſchaft jetzt mehr ins Zeug legte. Ein größerer Teil unſerer Kameraden mußte zu⸗ rückbleiben, da ſie nicht alle untergebracht werden konnten. Wir wurden nun auf ein Schiff(ehemaliger Viehtransport⸗ dampfer) verladen und zwar ungefähr 800 Mann. Hier bekamen wir die Packräume angewieſen. Auf Deck durften wir aber nicht gehen, ohne daß ein Poſten uns begleitete. Da wir nun alle von den großen Strapatzen ſehr ermüdet waren, legten wir uns zum Schlafen hin, das heißt wir ſtreckten uns auf den harten Boden aus. Doch nicht lange konnten wir uns des Schlafes erfreuen. Gegen Mitter⸗ nacht ertönte die Dampfſirene. Das Schiff fuhr ab. Hier bekamen wir gegen ein hohes Entgeld, wer ſolches noch hatte, etwas heißen Tee. Nach einigem Bitten ließen uns die Engländer den Tee ohne Bezahlung zukommen. Da es in dem Schiffsraum ſehr kalt war, kam uns das heiße Getränk ſehr zu ſtatten. Doch der Schlaf forderte alsbald wieder ſein Recht. Die See war ruhig, und man merkte kaum, daß das Schiff fuhr; bald lagen wir in einem feſten Schlaf. Am 6. Juli 1916 Mittags lief das Schiff in den engliſchen Hafen Southampton ein. Hier wurden wir dann auch alsbald ausgeſchifft, wo uns eine neue Begleitmann⸗ ſchaft in Empfang nahm. Nachdem wir uns zu Vieren aufgeſtellt hatten, ging es wieder durch die ganze Stadt nach einer Rollſchuhbahn, die als Durchgangslager für Kriegsgefangene eingerichtet war. Die engliſche Bevöl⸗ kerung betrug ſich nicht ſo tieriſch wie die franzöſiſche. Sie betrachteten uns nur mit neugierigen Blicken. Jetzt bekam

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