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In englischer Kriegsgefangenschaft 1916/17 : Aufzeichnungen und Erinnerungen des Sanitätssoldaten Karl Brasch, Gießen während seiner 19monatlichen Gefangenschaft
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raden erhebliche Brandwunden davon trugen. Kolonial⸗ truppen, die am Bahnhofe arbeiteten, ſprangen um unſere Wagen herum und klatſchten in die Hände, wie kleine Kinder, die einen Klatſchreigen aufführen. Sie bewarfen uns ebenfalls mit Steinen oder ſpuckten nach uns und machten Gebärden, wie Halsabſchneiden uſw.

Gegen 5 Uhr nachmittags fuhr der Zug auf einem Nebengleiſe in Amiens ein. Hier konnten wir ausſteigen. Die Umgebung jedoch war mit einem dichten Stacheldraht um⸗ zäunt. Die engliſchen Soldaten verlangten von uns Uni⸗ formknöpfe oder Mützen, gab man es ihnen nicht freiwillig, ſo wurden uns die Sachen einfach abgeriſſen oder wegge⸗ nommen. Wir waren deshalb froh, als wir wieder in unſere Wagen einſteigen durften. Bald darauf fuhren wir in der Richtung nach Le⸗Havre weiter. Ein jeder ſtand in Gedanken verſunken, ohne ein Wort zu ſprechen, in dem Wagen. Man dachte an das kürzlich überſtandene oder an, die Lieben zu Hauſe. Man malte ſich Bilder aus, wie ſie wohl auf Nachricht von uns warteten, wußte man doch nicht, wie lange es wohl noch dauern würde, bis man ſei⸗ nen Angehörigen ſchreiben durfte. In einer Ecke ſtand ein bärtiger Landwehrmann, der ganz leiſe vor ſich hin⸗ ſang:Ich bin ſo gern, ſo gern daheim. Langſam fiel der ganze Chor mit ein. Für einige Augenblicke vergaf man die Gegenwart, doch das Rattern der Wagen rief uns bald wieder dahin zurück. Eine dunkle Zukunft lag vor uns, wußten wir doch noch nicht, wo wir hinkommen ſollten und was uns noch alles bevorſtand. Am nächſten Morgen, nach einer qualvollen Nacht, gelangten wir nach Le⸗Havre. Hier ſtiegen wir aus und marſchierten durch die Hafenanlagen nach der Stadt zu. Auch hier wieder

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