Jahrgang 
1865
Einzelbild herunterladen

3

Schulen verlangt Konzentration des Unterrichts, und dazu liefert die angedeutete Benutzung der Schreibſtunden einen neuen Bauſtein. Sie ergiebt alſo doppelten Nutzen, ohne das frühere Ver⸗ fahren auszuſchließen.

Ueberhaupt haben wir in dieſem Schuljahre unſer Hauptaugenmerk anf die Löſung der Frage gerichtet:Wie iſt es möglich, die Lernlaſt der Jugend zu vermindern, ohne die geiſtige Ausbildung zu beeinträchtigen? Der körperlichen Entwickelung und Geſundheit iſt bisher in allen deutſchen Schulen zu wenig Sorgfalt gewidmet; daran krankt das geſammte Unterrichtsweſen der Neuzeit, und es erhebt ſich der Ruf nach Abhülfe immer lauter. In der Sitzung des Berliner allgemeinen Lehrervereins vom 23. März 1864 erkannte man die Nothwendigkeit an, den Unterricht der Mädchen vor allen Dingen zu erleichtern, und es wurde demzufolge die Errichtung einer neuen ſtädtiſchen höheren Töchterſchule, in welcher der Nachmittagsuntericht wegfällt, beſchloſſen. Ob der Wegfall des Nach⸗ mittagsunterichts der richtige Weg ſei, mag dahin geſtellt bleiben; aber demſelben Ziele muß jede Töchterſchule zuſteuern, ſobald ſie ſich ihrer pädagogiſchen Aufgabe bewußt wird. Ich wünſchte, durch eine längere Abhandlung meine Anſichten und Erfahrungen über dieſen Gegenſtand in dem vorlie⸗ genden Programm den verehrten Eltern und allen Schulfreunden darzulegen; allein überhäufte Amtsgeſchäfte machten mir die Ausführung für dieſes Jahr unmöglich. Nur einige Punkte möchte ich anführen, und die Eltern damit auffordern, auch ihrerſeits den ſo wichtigen Gegenſtand eingehender zu beachten.

1) Geſundheit des Körpers iſt zu allem irdiſchen Glück und zu jeder Thätigkeit nöthig, alſo auch zum Lernen.

2) Lernen ſtrengt die Nerven an, und hindert die Muskelentwickelung.

3) Darum müſſen Nervenanſtrengung und Maskelanſtrengung während der Kindheit und Jugend in ein richtiges Verhältniß gebracht werden.

4) Der jetzt übliche ſogenannte höhere Unterricht aber nimmt einſeitig die Nerven in Anſpruch, und läßt nicht die erforderliche Zeit zu Bewegung und Arbeit übrig.

5) Dieſes dem ganzen nachwachſenden Geſchlechte drohende Unheil muß abgewendet werden.

6) Da aber in unſerer Zeit Wiſſen Macht iſt, ſo kann dies nicht kurzweg durch Verringerung der Stundenzahl oder Beſchränkung des Lehrſtoffs geſchehen: das bisher erzielte Wiſſen muß auch fernerhin erreicht werden.

7) So blieben alſo nur zwei Mittel übrig: Anderung der Methode, und Ver längerung der Schulzeit..

Die Methode muß den Unterricht noch praktiſcher und konzentrirter machen, als er bisher war.

Die Eltern müſſen ſich an den Gedanken gewöhnen, ihre Töchter, ſofern dieſelben eine höhere geiſtige Ausbildung erlangen ſollen, bis zum 15., ja 16. Jahre die Schule beſuchen zu laſſen.

8) Die Nachmittagsſtunden fallen nicht weg, ſondern werden zur Erledigung der ſogenannten häuslichen Aufgaben unter Anleitung der Lehrer benutzt, ſo daß die übrige Zeit wirklich frei iſt, und zu körperlichen Uebungen(Turnen, Garten⸗ und Hausarbeit) verwandt werden kann.

Daraus ergibt ſich denn auch, daß es bei der angeſtrebten Veränderung durchaus nicht auf Erleichterung der Lehrer, ſondern lediglich auf das Wohl der Kinder abgeſehen iſt.

. 1*