es für eine Verſündigung an dem göttlichen Sänger halten müßten, wenn dieſes herrliche Erzeugniß der Dichtkunſt in der Schule in einer ſolchen Weiſe behandelt würde, daß die Schüler nichts von der Schönheit und unvergleichlichen Feinheit der Rede des Odyſſeus(v. 149 ff.), die ein Muſter der Beredſamkeit iſt,¹o) merkten und nichts von der Lieblichkeit des unbewußten Liebesgeſtändniſſes in den Worten der Nauſikaa (v. 245)6⁰0) und der jungfräulichen Scham(v. 276 ff.) empfänden.
Beſondere Beachtung iſt bei der Schullectüre den zahlreichen Gleichniſſen zuzuwenden. Dieſe ſind aus der lebendigen Anſchauung bekannter Erſcheinungen, aus der Natur ſowohl wie aus dem Menſchen⸗ leben, genommené¹) und haben den Zweck eine Perſönlichkeit lebendig und in voller Anſchaulichkeit vorzu⸗ führen, einen bedeutſamen Moment der Handlung durch ein Gegenbild zu erläutern. 7²) Zugleich verleihen ſie durch die Menge wohlgewählter und trefflich ausgeführter Bilder der poetiſchen Diction einen ganz beſonderen Schmuck, weshalb man auch früher, ſelbſt gegen die Autorität des Ariſtoteles, fälſchlich annahm, daß ſie in erſter Linie zum Zierat dienen ſollten. Da wir an der Anſicht des Ariſtoteles, nach welcher ſie zur Veranſchaulichung, sic daphvetay, angewandt werden, feſt halten,“s) ſo wird der Erklärung in der Schule vorzugsweiſe die Aufgabe zufallen auf die Naturwahrheit in den zur Vergleichung beigebrachteu Bildern hinzuweiſen. Sind die Schüler darauf aufmerkſam gemacht, daß in einem ausgeführten Gleichniſſe nicht alle Puntte zur eigentlichen Vergleichung gehören, ſondern daß ein Hauptvergleichungspunkt aufzu⸗ finden iſt, und hat man dieſen in einigen vorkommenden Fällen mit ihnen aufgeſucht und näher beſprochen, dann wird in der Folge die Erklärung der Gleichniſſe keine beſonderen Schwierigkeiten mehr bieten. Gerade aus ihnen erkennen wir aufs deutlichſte die ſcharfe Beobachtungsgabe des Dichters und ſeine Freude an der ihn umgebenden Natur. Daher iſt ihm auch unter den Thieren keines zu niedrig, verächtlich oder gar ekelhaft, ſelbſt nicht der Wurm(N 654).
⁵) Ebenſo wie die Kriegskunſt war auch die Kunſt der Ueberredung, die Beredſamkeit, eine nothwendige Eigenſchaft des Homeriſchen Helden. Achilleus wurde von Phönix gelehrt l 443 B59Gy re gyrhp' Eusvat piurhpa re Ep und Odyſſens nennt 9 168 unter deu großen Gaben, welche die Götter den Menſchen verleihen, außer Pon und ꝓpévec als dritte die a† ög, die Beredſamkeit. So finden wir den auch bei Homer eine Menge von Rednern und von ihrer Eigenthümlichkeit und ihrem Charakter entſprechenden Reden, welche nach Gladſtone(S. 323) nicht nur Proben einer erhabenen und unübertroffenen Beredſamkeit enthalten, ſondern auch die umfaſſendſte Kenntniß und den mannigfaltigſten Gebrauch aller der verſchiedenen Hülfsmittel der Kunſt an den Tag legen. Natürlich erſcheinen die Haupthelden vorzugsweiſe mit dieſer Gabe ausgerüſtet, aber auch untergeordnete Perſönlichkeiten beſitzen ſie zuweilen in hohem Maße; wir erinnern hier nur an die Rede durch welche Eurylochos 1 340 ff. ſeine Genoſſen auffordert ſich an den Rindern des Helios zu vergreifen; wie kann man ſich kürzer, beſtimmter, der Sachlage ſowohl als den Lehren der Rhetorik entſprechender ausdrücken?
*o) Allerdings hat Ariſtarch, der öfters die verfeinerte Cultur ſeiner Zeit und die Alexandriniſche Hofetikette zum Maßſtabe ſeines Urtheils nimmt, dieſen Vers als unecht verworfen. Dies iſt nicht gerade beſonders auffallend, auffallender aber iſt, daß ſelbſt neuere Erklärer dieſes zopfige Anſtandsgefühl und die Bedenken des alten Kritikers theilen, ohne die Schön⸗ heit dieſes Verſes und die Feinheit der pſychologiſchen Ausführung zu erkennen. Dieſe beſteht nämlich darin, daß, während Nauſikaa vorher nur einen allgemeinen Wunſch geäußert, auf einmal in ihrem Herzen und ihren Gedanken die plöͤtzlich erwachende Liebe zu Odyſſeus ſich unwillkürlich ausſpricht.
61) Aristot. Topic. VIII,(p. 153.) eis apijvetwy mapadeifharä s al napaßoas Oloréov. napadsifHata it oixsta al àE y Toksy, da OQpnpoc.
62) Vergl. Bergk, S. 846.— Düntzer, S. 506:„Die Gleichniſſe wachſen aus der Dichtung hervor, ſie ſind kein auf⸗ getragener Zierat;] nur veranſchaulichen wollen ſie und beleben.“
63) Frommann, über den relativen Wert der homeriſchen Gleichniſſe, Progr. des Gymnaſ. zu Büdingen, 1882, S. 19. findet die Bedeutung der Gleichniſſe weſentlich darin, daß ſie das große Bild des Lebens, welches uns aus der Haupthandlung entgegentritt, durch eine lange Reihe kleiner, aber lebendig ausgeführter Randgemälde vervollſtändigen.


