Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? / von L. Wittmann
Entstehung
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Wie ſelbſt von ſonſt unbefangenen Erklärern Homer manchmal durchaus falſch aufgefaßt wird, da⸗ von noch ein Beiſpiel. Gladſtone, der die Anſicht hat,5³) daß die Homeriſchen Götter hinſichtlich ihres ſittlichen Standpunktes ſich von den Schranken des menſchlichen Geſetzes emancipiren und den Menſchen gegenüber durch geringere Moralität charakteriſirt werden, eine Meinung, über welche wir hier mit ihm nicht rechten wollen, ſagt u. A.:)Selbſt das äußere Benehmen und die Manieren der Götter ſind von dem Mangel ſittlicher Elemente durchdrungen. Sie lachen ohne Maß über des Hephäſtos perſönliche Häßlichkeit, als dieſer ihnen den feſtlichen Becher reicht.(A 599. 600.) Es iſt kaum zu begreifen, wie man aus dieſer unſchuldigen Stelle, in welcher zugleich ſchon der Grund des Gelächters deutlich genug angegeben iſt,den Mangel ſittlicher Elemente nachweiſen will. Die Götter, die durch die Worte, welche Hephäſtos v. 573 ff. an ſeine Mutter gerichtet hat, in gute Laune verſetzt ſind, lachen über ſeine Geſchäf⸗ tigkeit und Eilfertigkeit, mit der er den flinken Aufwärter ſpielen will, was bei ſeiner Lahmheit und bei dem Mangel an Gewandtheit und Eleganz der Bewegnngen einen komiſchen Eindruck macht. 5⁵) Einzig und allein nur dieſes iſt der Grund des Gelächters und ſo wird durch das rechtzeitige Auftreten des Feuer⸗ beherrſchers nicht nur der Streit zwiſchen Zeus und Hero, der ſchon ſo erbittert geworden war, daß nach v. 566 und 567 ſogar Thätlichkeiten in Ausſicht ſtanden,5s) beigelegt, ſondern alle Anweſenden kommen in die fröhlichſte Stimmung und für das erſte Buch der Ilias iſt hiermit, nachdem vorher die Achaier und hierauf die Götter im Streit ſich entzweit, ein heiterer und befriedigender Abſchluß gewonnen.

Der Schüler ſoll nach der oben S. 5 aufgeſtellten Forderung allmählich ein Verſtändniß für die Schönheit der Homeriſchen Dichtung bekommen. Natürlich iſt dies nicht ſo zu verſtehen, als ob ihm gelegentlich dieſe oder jene Stelle als beſonders ſchön zu bezeichnen ſei; vielmehr, wenn die Interpretation des Dichters in der eben von uns durch Beiſpiele entwickelten Weiſe vorgenommen und der Schüler hier⸗ durch angeleitet worden iſt auf die Einfachheit und Natürlichkeit der Darſtellung zu achten, und wenn er gewöhnt wird ſich lebendig in die Situation zu verſetzen und die einzelnen Geſtalten, wie ſie uns plaſtiſch in voller Leiblichkeit und Wirklichkeit entgegentreten,s¹) ſich auch innerlich vorzuſtellen, dann wird ſich auch der Sinn für die Würdigung der eigenthümlichen Schönheit dieſer Poeſie entwickeln. Gelegenheit dazu bieten unzählige Stellen; für ganz beſonders ſchön hat aber von jeher& gegolten, der Geſang, in welchem die Begegnung des Odyſſeus mit Nauſikaa erzählt wird. Wie brauchen zu der Fülle des Lobes, das ſeit alter Zeit dieſem Buche geſpendet wurde,s) nicht noch neues hinzuzufügen und bemerken nur, daß wir

83) S. 246 ff. ³⁴⁴) S. 249.

55) Auch I 410 ff. in der Schilderung wie das e. abnro, der Gott der Eſſe, nachdem er die Ankunft der Thetis erfahren, Toilette macht, läßt ſich ein gewiſſer Humor nicht verkennen.

56) pff v6 ron d Pi-G 590 dsoi elo, 8y OX

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⁵1) Hinſichtlich des plaſtiſchen Hervortretens der Geſtalten laſſen ſich in unſrer Literatur nur die Iphigenie und Her⸗ mann und Dorethea mit den Homeriſchen Dichtungen vergleichen.

⁵3) Gladſtone, S. 240: Es gibt kein ſchöneres und anmuthigeres Bild als das, welches der Dichter von Nauſikaa entworfen hat. Bergk, S. 671: Die geſammte griechiſche Poeſie hat keine jungfräuliche Geſtalt aufzuweiſen, die ſich mit dem zart umſchriebenen Bilde der Nauſikaa vergleichen ließe. Nitztſch, S. 313 und 314: Die Feinheit und Naturwahrheit in der Zeichnung finden wir unvergleichlich auch in dem Bilde der bräutlichen Jungfrau Nauſikaa bewährt. Hier zeigt ſich das edelſchöne Gemüth des Dichters eng verſchwiſtert mit ſeiner genialen Erfindſamkeit. Man kennt die Aeußerung Göthes (an Schiller Br. 424) über die unübertreffliche Begegnung eines Fremdlings im fernen Lande mit den Eingebornen, durch welche er jedem folgenden Darſteller ſolchen Hergangs das Schönſte vorweggenommen erklärt.