Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? / von L. Wittmann
Entstehung
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Erfahrungen, die Odyſſeus macht, nachdem er unerkannt in ſeine Heimat zurückgekehrt iſt, kommt er all⸗ mählich zu der Ueberzeugung, daß er ſich der Freier nur durch Mord entledigen kann. Aber auch in dem Hörer bezw. Leſer muß durch die Entwickelung der Ereigniſſe derſelbe Gedanke ſich feſtſetzen; er muß ein⸗ ſehen, daß die Mneſterophonie, die Ermordung von über hundert den vornehmſten Geſchlechtern angehörigen Jünglingen, eine wie grauenvolle und ungeheuerliche That ſie auch ſein mag, doch nicht nur die unver⸗ meidliche ſondern geradezu einzige und nothwendige Strafe des Frevels der Freier iſt. Erſt dann, wenn wir den Mord als eine vollſtändig gerechte Vergeltung auffaſſen, können wir uns über das Vorgehen des Odyſſeus und über das unſerm Gefühl widerſtreitende gräßliche Gemetzel beruhigen. Ganz ähnlich verhält es ſich mit dem Verfahren gegen die Mägde. Dieſe haben ſeither ihren Uebermuth gegen die übrigen Diener und gegen die Herren ſelbſt ausgelaſſen und durch ihren ſchamloſen Verkehr mit den Freiern den Odyſſeus ſo aufgebracht, daß er faſt aller Vorſicht vergeſſend gegen ſie losgefahren wäre und nur mit Mühe ſein tobendes Herz zu beſchwichtigen vermochte.(Vgl. o 11, 13, 18. erkaht d,paden al vövrsoy E-No or Erne.) Wenn dieſe die Todten aus dem Saale hinausſchaffen müſſen hätte man diejenigen, die unſträflich geblieben waren, zu dieſem unreinen Geſchäfte verwenden ſollen? und dann ſelbſt einen ſchimpflichen Tod erleiden, ſo finden wir darin gar nichts beſonders Auffallendes, und eben ſo wenig in der Grauſamkeit, mit welcher die Hirten ihrem lange aufgeſpeicherten Grimm gegen den Melanthios freien Lauf laſſen. Daß die Mißhandlung der wehrloſen Mägde und des Ziegenhirten unſerm Gefühle widerſtrebt, iſt nicht zu leugnen; daß aber die Erzählung des Verfahrens des Dichters unwürdig ſei, können wir nicht zugeben. Es iſt eine bekannte Thatſache, daß bei Völkern mit einfachen Culturver⸗ hältniſſen, wenn einmal die Leidenſchaft erregt iſt, ein hoher Grad von Rohheit und Grauſamkeit, die an den Qualen des Feindes ihre Freude hat, hervortritt, und was die Strafe des Melanthios betrifft, wie lange iſt es denn her, daß ſelbſt in den öffentlichen Strafverfahren derartigeBeſtialitäten noch geſetzlich waren? Wenn überhaupt moderne Feinfühligkeit bei Beurtheiligung ſolcher Fragen in Betracht kommen ſollte, ſo könnten wir aus Homer noch andere Stellen anführen, die in einem höheren Grade als die eben beſprochenen unſerm Gefühle widerſtreben; z. B. 2 61 ff. wo Agamemnon den Menelaos ermahnt, den wehrloſen Adraſtos, der auf den Knieen um ſein Leben bittet, nicht zu verſchonen und darauf ſelbſt das Henkeramt verrichtet, eine That, die doch der Dichter ausdrücklich billigt,(α einchy Ergssv Ae-eεονο φρεναα, ato-a εεμραόα) oder 345 ff. 395 ff., wo Achilleus den Hektor ſchimpft und den Leichnam ſeines großen Gegners ſchmählich mißhandelt(Aeuuéa uiesro 551a). 34) Und dieſes thut derſelbe Achilleus, der nach Gladſtonesz) ebenſo wie die übrigen Könige ein gentleman par excellence iſt, das Bild eines Mannes von guter Erziehung und guter Sitte. Wie unweiblich klingen nach unſern Begriffen die Worte der Hekabe 9 212, die wünſcht die Leber des Mannes der ihren Sohn Hektor erſchlagen, mit ihren Zähnen zerreißen zu können, eine Stelle, die zu den bekannten Verſen in dem Lied von der Glocke die Veranlaſſung gegeben haben mag. Trotzdem können wir ſolche Affectsäußerungen weder als unnatürlich noch als der Darſtel⸗ lung des Dichters unwürdig bezeichnen; wir erſehen aus ihnen, daß die Menſchen des heroiſchen Zeitalters,

³³) Bergk, S. 637.Achilles wird hier in ſeiner ganzen furchtbaren Wildheit und. maßloſem Grimme gezeichnet ſelbſt Schimpfworte und Züge der Rohheit, wie ſie wohl in der älteren Heldenpoeſie der Hellenen häufiger vorkommen mochten, haben hier ihre Berechtigung.

34) S. 292.