herrliche Stelle von dem Hunde Argos,²s) bei deſſen Anblick Odyſſeus ſeine Rührung und Thränen ebenfalls nur mit Mühe vor Eumaios verbirgt. Zu den ſchönſten Theilen der Odyſſee gehört unſtreitig die Lebensbeſchreibung, die 5 199 ff. Odyſſeus dem Eumaios als ſeine eigene erzählt. Obgleich dieſelbe, ſoweit ſie die Perſon des Erzählers betrifft, erdichtet iſt, ſo enthält ſie doch volle Wahrheit, d. h. ſie berichtet in knapper Form aber doch mit der größten Naturtreue und Anſchaulichkeit die Zuſtände jenes heroiſchen Zeitalters und ſpeciell die Schickſale eines kriegs⸗ und abenteuerluſtigen Mannes aus Creta, der von Jugend auf an Seefahrt und Waffen⸗ handwerk Freude fand und ſo auch den Krieg gegen Troia mitmachte. Nach deſſen Beendigung unternahm er auf eigene Fauſt einen Raubzug nach Aegypten, von dort kam er nach Phönizien, dann nach mancherlei Schickſalen in das Land der Thesproten und ſchließlich als umherirrender Bettler in das Gehöft des Eu⸗ maios. Dieſem erzählt der Pſeudo⸗Cretenſer ſeine Erlebniſſe in einer Weiſe, die wir als ein Muſter der Darſtellung, gleichſam als eine Odyſſee von kleinerem Umfange bezeichnen möchten. 2*) Unter anderem berichtet er, nachdem der König der Thesproten ihn auf einem Schiffe entſandt, habe die Bemannung ihn unterwegs gefeſſelt und ihm ſtatt ſeiner beſſeren Kleidung ein Lumpengewand gegeben. Nach der Landung an der Küſte von Ithaka habe man ihn gebunden im Schiffsraume liegen laſſen, um ihn bei Gelegenheit als Sclaven zu verkaufen. Doch mit Hülfe der Götter ſei es ihm gelungen die Feſſeln zu löſen und, nachdem er ſeinen Kopf mit dem ärmlichen Gewand umhüllt, habe er ſich vorſichtig am Steuer⸗ ruder ins Waſſer herabgelaſſen und ſo unbemerkt das Land durch Schwimmen erreicht. Weshalb nun verhüllte der Flüchtling bei dieſer Gelegenheit ſein Haupt? Gewöhnlich ſagen die Erklärer, wenn ſie ſich überhaupt auf dieſe Frage einlaſſen, er thue dies wie diejenigen, die dem Tode entgegen gingen. Allein hier liegt doch ein ganz entgegengeſetzter Fall vor; denn der Flüchtling beabſichtigt gar nicht dem Tode entgegen zu gehen— ſonſt hätte er ſich blindlings vom Verdeck hinabgeſtürzt— ſondern er will der ihm drohenden Gefahr(dem 60610y ſuap 340) durch eine mit möglichſter Vorſicht und Stille bewerk⸗ ſtelligte Flucht entrinnen. Würde er ſich den Kopf völlig verhüllen, ſo wäre der freie Ausblick gehemmt und alle die ſo genau geſchilderten Maßregeln, das lautloſe Hinabgleiten und das vorſichtige Eintauchen ins Waſſer wären ebenſo wie der Fluchtverſuch unmöglich auszuführen. Der Grund des Umhüllens iſt aber leicht zu finden— manchem unſrer Schüler iſt es ſchon geglückt— wenn man ſich nur richtig die Sachlage vergegenwärtigt. Der Flüchtling will möglichſt ſchnell und ſicher durch Schwimmen das Feſt⸗ land erreichen, alſo muß er nackt ſein; auf dem Lande aber braucht er Kleider und mag ſein Rock auch noch ſo ſchäbig ſein, ein gaxνoο zaxby iſt immer beſſer als gar keins— wie mißlich es iſt ſplitternackt in ein
28) Gladſtone, S. 443: Die Humanität des Dichters zeigt ſich unter anderem auch in ſeiner Sympathie mit den hohen Eigenſchaften der Thierwelt. Es giebt keine Stelle von tieferen Pathos in ſeinen Werken, nicht Andromache mit ihrem Kinde(Z 390 ff.), nicht Priamos vor Achilleus(Q 470 ff,) als die, welche den Tod des Hundes Argos berichtet. Auch die Worte tönen ſo ruhig und ſtill; ſie ſcheinen ſchwächer und ſchwächer zu werden; jeder Versfuß fällt, als ob die letzten Athem⸗ züge gezählt werden ſollten, und in der That wir fühlen den ſchwachen und kaum vibrierenden Hauch, mit dem das Leben aufgegeben wird: APToy d'ab atà 1o' Eaßev B⁴ς davd ο oadrin, i06v-' Oduosja 22X Zyaureß.
²9) Wir kennen im ganzen Homer keine Stelle, in der mit ſolcher Begeiſterung die Liebe zum Krieg und zu den Waffen ausgeſprochen wird wie hier 216— 228. Aus dieſen Verſen, die ſchon in ihren Rhythmen Kampfesluſt athmen, er⸗ kennt man deutlich die Richtigkeit der Behauptung Bergks(S. 828), daß Homer nicht nur Diener der Muſen, ſondern auch des Ares geweſen ſei..


