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Ebenſo wie die einzelnen Wörter müſſen auch die Sätze und der Zuſammenhang derſelben dem Schüler zum klaren und deutlichen Verſtändniß gebracht werden. Da man es mit einem Dichter zu thun hat, der entweder die eigenen Schöpfungen ſeiner frei geſtaltenden Phantaſie uns vorführt oder durch Tradition überlieferte Sagen und Märchen dichteriſch verarbeitet, ſo muß auch der Hörer und Leſer Sinn für ſolche Dichtung haben und im Stande ſein unbefangen den Reiz der Erzählung auf ſich einwirken zu laſſen. Ueberweiſe Kritiker aber in ihrer nüchternen Verſtändigkeit beuten den Horaziſchen Spruch quandoque bonus dormitat Homerus aus und werfen dem Dichter Gedankenloſigkeit, Nachläſſigkeit, lächerliche Uebertreibung vor ſelbſt an Stellen, an welchen die Hörer durch die Erzählung wie bezaubert waren(Q☛ς ορ ʃ'Xoxovro). Wer z. B. in 420— 447, wo Odyſſeus erzählt, wie er ſich an den Feigenbaum über der Charybdis feſt angeklammert wie eine Fledermaus gehalten habe und dann auf den von dem Strudel wieder ausgeſpieenen Schiffstrümmern weiter geſchwommen ſei, nur„die raffinirte Erfindung eines Rhapſoden“ und„ein in ſeiner Uebertreibung doch zu ſpaßhaftes Abenteuer“ ſieht,¹s) der kann mit demſelben Rechte eine Menge anderer Stellen als unecht hinauswerfen. Denn es iſt doch dieſelbe Uebertreibung, wenn nach* 32 Odyſſeus 9 Tage lang ohne zu ſchlafen das Segeltau des Schiffes hält oder nach s 270 ff. gar 17 Tage ſchlaflos das Steuer lenkt, worauf er noch 2 Tage nach Verluſt ſeines Fahrzeuges von den Wogen umhergetrieben wird. So ſcheint es Gedankenloſigkeit, wenn dem Odyſſeus für die nächtliche Heimfahrt, die er doch während des Schlafes vollendet, v 69 von Arete Speiſe und Trank mitgegeben wird; ¹) ebenſo iſt es doch unverzeihlich, daß wir nicht erfahren, was aus den von Telemach für die Reiſe nach Pylos 8 410 mit⸗ genommenen Lebensmitteln geworden iſt; auch bleiben wir leider ohne genaue Nachricht darüber, ob Telemach und Peiſiſtratos die nach † 479 ff. für ſie eingepackten delikaten belegten Brödchen(öc9o re, Ra doa urενεες α⁵c) auf ihrer den ganzen Tag dauernden Fahrt nach Pherä wirklich verzehrt haben. Wenn Odyſſeus trotz der Warnung der Kirke ſich n 227 rüſtet, um die Skylla abzuwehren, iſt dieſes nur„ein unnützes und faſt lächerliches Bravourſtück des Helden, welches nur dazu geeignet war die Unbefangenheit der Gefährten zu beeinträchtigen“? Hätte er ſich feige im unterſten Schiffsraume verkriechen ſollen 220) Wozu iſt es nöthig, daß Lampetie 374 dem Helios Botſchaft bringt, während dieſer doch nach v. 323„alles ſieht und alles hört“? Iſt dies, nach Ameis, nur ein„formelhafter Ausdruck des frommen Glaubens,“ dem aber die Wirklichkeit nicht entſpricht? Wie thöricht handelt Zeus, der A 522 aus Scheu vor der Here die Thetis zur Vorſicht mahnt und hierauf ſelbſt durch die Bewegung ſeiner Brauen den Olympos erſchüttert und ſich ſo verräth! Wenn Hephäſtos, als er aus dem Himmel geworfen wird, einen ganzen Tag braucht, um zur Erde zu gelangen, A 592 ff., ſo iſt damit nicht auf ſeine Lahmheit hingewieſen, wie Gladſtone meint,²1) ſondern es ſoll die weite Entfernung des Sitzes der Götter von der Erde anſchaulich gemacht werden. Mancher findet es auch auffallend, daß Zeus, um von Olympos nach dem Ida zu kommen, ſich eines Wagens bedient, 6 41— 46, während Here nach 8 225, 281, 292 um eben dahin zu gelangen einen
¹³) Kammer S. 549.
¹⁰) Aber wenn Odyſſeus erwacht wäre und Hunger verſpürt hätte? Denn daß die homeriſchen Helden ſich eines ge⸗ ſegneten Appetits erfreuten und auch in dieſer Beziehung eine gute Klinge ſchlugen, läßt ſich aus I 90, 221, 671, 705 und K 578 entnehmen, nach welchen Stellen Odyſſeus in einer Nacht nicht weniger als dreimal gegeſſen und viermal ge⸗ trunken hat.
2⁰) Auch Düntzer, Homeriſche Abhandlungen, Leipzig, 1872. S. 457 ſieht hier eine ſchlechte Eindichtung.
2²1) S. 255.


