Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? / von L. Wittmann
Entstehung
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Homer iſt, wie ſchon oben bemerkt, in der Schule ſo zu leſen, daß der Schüler in ihm einen Dichter erkennt, der die größte Einfachheit und Naturwahrheit mit ſolcher Kunſt der Darſtellung vereinigt, daß ſelbſt das Wunderbarſte und Seltſamſte dem, der ſich ohne kritiſche Hintergedanken in die Erzählung ver⸗ ſenkt, natürlich und glaubhaft erſcheint. Wie iſt aber einem jeden das Verſtändniß für dieſe Poeſie bei⸗ zubringen? Gewiß nicht dadurch, daß man ſich an den betr. Stellen in einer Reihe von bewundernden Ausrufen ergeht, ſondern allmählich und ſchrittweiſe muß man dazu anleiten, da den modernen Menſchen und beſonders dem Städter einfache und natürliche Verhältniſſe fremd und unverſtändlich geworden ſind.

Zunächſt gewöhne man den Schüler daran ſtets die Grundbedeutung der vorkommenden Wörter zu beachten. Bei Beginn der Homerlectüre darf man von ihm noch keine ſelbſtändige Präparation verlangen, erſt durch die Anleitung des Lehrers ſoll er zu einer ſolchen befähigt werden. Nun ſind aber die gewöhn⸗ lichen Schulwörterbücher meiſt ſo eingerichtet, daß ſie der Bequemlichkeit und Denkfaulheit zu ſehr Vorſchub leiſten; iſt das betr. Wort aufgeſchlagen, ſo wird nach der für die bezügliche Stelle angegebenen Bedeutung geſucht und dieſe dann ohne weiteres Nachdenken in das Wörterheft eingetragen. Vor dieſem gedankenloſen Mechanismus iſt der Schüler zu warnen; er ſoll ſich bemühen aus der eigentlichen und urſprünglichen Be⸗ deutung des Worts die für die gerade vorliegende Stelle paſſende zu entwickeln und wird dann bald einſehen, daß er in den meiſten Fällen ſicherer geht, wenn er ſeinem eignen Verſtand und Nachdenken etwas zutraut, als wenn er ſich blindlings auf die Angabe der Wörterbücher verläßt. Nur ſo wird ihm die Bedeutung der Zuſammenſetzungen klar, hinſichtlich deren die griechiſche Sprache faſt alle ihre Schweſtern übertrifft, 8) bei deren Uebertragung wir uns aber meiſt mit abgeblaßten Ausdrücken begnügen müſſen, da die Anſchau⸗ lichkeit und Verſchiedenheit der Beziehungen, beſonders bei den Zuſammenſetzungen der Verba mit Präpo⸗ ſitionen, ſich einmal nicht deutſch geben laſſen. Wenn wir nun hierbei auch ebenſo wie bei vielen Partikeln man wird doch nicht jedes äpa mitfüglich überſetzen! und bei Participien, die nur zur Veran⸗ ſchaulichung der Haupthandlung dienen, wie ε‿ν, ärov, apaaräc, 10G, Naßdv, X.90by, u er!. ver⸗ fahren und auf eine wörtliche Wiedergabe verzichten andernfalls würden wir ja unſerer eignen Sprache

Gedichte für unecht erklärt worden iſt Wollte jemand ſich daran machen alle diejenigen Verſe, die dieſem Schickſal bis jetzt noch entgangen ſind, zuſammen zu ſtellen, ſo müßte das eine ganz intereſſante Arbeit geben; man könnte dann ſehen, wie weit man mit einer ſolchen Kritik kommt. Auffallend erſcheint es uns, daß die übrigen Erzeugniſſe der alten Literatur noch nicht in gleicher Weiſe als ein Verſuchsfeld für die Erlangung der kritiſchen Sporen haben herhalten müſſen. Wenn einer z. B. behaupten würde, daß in dem König Oedipus des Sophokles ſowohl die Worte der Jokaſte v. 711722 als die des Oedipus v. 774813 unecht ſeien, da der Sachverhalt als beiden bekannt vorausgeſetzt werden müſſe, daß ferner der Schluß des Stückes von v. 1185 an ebenſowenig von dem Dichter herrühren könne, da mit dem Momente, in welchem Oedipus Gewißheit über ſeine Thaten erhält, das Drama abgeſchloſſen ſei, ſo würde dieſe Behauptung im Vergleich zu dem, was man bei Homeriſchen Fragen ſchon gehört und geleſen hat, durchaus nicht als eine gewagte erſcheinen. Wie weit freilich die Ge⸗ ſchmacksrichtung auseinander geht, davon aus vielen Beiſpielen nur eins: Bergk ſieht(S. 657. A. 3.) in der Unterredung des Hermes mit der Kalypſo 8 87115 diemühſelige Arbeit eines Spätlings; die Hälfte der Verſe iſt auch hier lediglich abgeſchrieben; was der Verfaſſer aus eigenen Mitteln hinzuthut, iſt durchweg verfehlt und ungeſchickt; dagegen Eneiſſe (zum 5. Buche der Odyſſee. Jahrb. f. Phil. u. Päd. 1882. Bd. 125. S. 649) will in ihr ein Meiſterſtück Homeriſcher Rhe⸗ torik erkennen. Uebrigens können ſich die modernen Kritiker auf die Alexandriner berufen, die zum Theil ebenfalls ihrer Subjectivität weiten Spielraum ließen und ſo unter andern auch aus übertriebenem Anſtandsgefühl den herrlichen Verſen 8 244, 245 einen Makel angehängt haben, weil ſie für eine Königstochter nicht paſſend ſeien. ¹³) Bergk, S. 123.