Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? / von L. Wittmann
Entstehung
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Doch wenn auch uns Deutſchen der Ruhm nicht beſtritten werden kann, daß wir die Schätze der griechiſchen Literatur und vor allem den Homer früher als andere Völker richtig gewürdigt haben, ſo iſt damit nicht geſagt, daß auch überall in unſern Schulen dieſer Dichter ſachgemäß erklärt werde. Es ſcheint uns vielmehr, als ob noch vielen Interpreten manche für ihre Thätigkeit ſehr nothwendige Eigen⸗ ſchaften mangelten, nämlich die Fähigkeit, die Naturtreue des Dichters in ſeinen Erzählungen und Schil⸗ derungen zu erkennen und ferner der Sinn für das Märchenhafte, für die Erzeugniſſe einer frei und reich geſtaltenden Phantaſie; an die Schöpfungen des Dichters legen ſie den Maßſtab des alltäglichen Treibens und durch eine unzeitige und wohlfeile Kritik ſowie durch das hereinziehen von Dingen, die nicht in die Homerſtunde gehören, laſſen ſie bei dem Schüler Liebe und Begeiſterung für die Dichtung nicht auf⸗ kommen. Wir erkennen zwar vollſtändig die Berechtigung der kritiſchen Forſchung in der Homeriſchen Frage an freilich hat ſie in ihrer überreichen Literatur wenig eigentlich poſitive, greifbare und feſt⸗ ſtehende Reſultate zu Tage gefördert, ſondern gewährt mehr das Bild eines unfruchtbaren Kampfes der Meinungen verlangen aber anderſeits, daß eine auflöſende Kritik von der Schule fern gehalten werde. Wenn auch Düntzer¹) ſchon 1865 gefordert hat, daß in den Schulausgaben der Homeriſchen Gedichte Atheteſen zuzulaſſen ſeien natürlich zuerſt ſeine eignen wenn auch Lehrerverſammlungen, wie die⸗ jenige zu Oſchersleben 1867, erklärt haben, daß eine Einführung der Schüler in die Homeriſche Frage zuläſſig und wünſchenswerth ſei, ſo können wir ſolche Forderungen vor erſt nicht für berechtigt halten. Denn mag man auch immerhin betonen, daß der Lehrer das Recht habe ſeine wiſſenſchaftliche Ueberzeu⸗ gung offen auszuſprechen, ſo darf er doch nicht das als Thatſache und unumſtößliche Wahrheit vortragen, worüber man immer noch im Streite liegt und die Anſichten der Einzelnen ſich oft diametral wieder⸗ ſprechen. ¹²)

Unterrichtsfach die Schüler am meiſten belaſte und deshalb mehr einzuſchränken oder am beſten ganz zu beſeitigen ſei. So iſt denn in Preußen und auch in unſerem Lande das griechiſche Scriptum aus der Zahl der Maturitätsarbeiten geſtrichen worden eine Anordnung, durch welche die Solidität des griech. Unterrichts und hiermit der humaniſtiſche Charakter unſrer Gymnaſien gefährdet wird. Durch die griechiſchen Extemporalien werden die Lectüreſtunden von grammatiſchen Erörterungen entlaſtet und, da der Stoff der Lectüre entnommen wird, neben der Kenntniß der Sprache auch die des Inhalts gefördert. Wir ſtimmen in dieſer Beziehung durchaus mit den in der pädag. Section der Karlsruher Philologenverſammlung von Schiller und Uhlig ausgeſprochenen Anſichten überein.(Vgl. Jabrb. f. Phil. u. Päd. 1883. Bd. 128. S. 86 ff.)

¹¹) Ueber die Zulaſſung von Atheteſen in Schulausgaben der homeriſchen Gedichte. Jahrb. f. Phil. u. Päd. 1865 92. Bd. S. 419 ff. 1

¹²) In der Homeriſchen Forſchung macht ſich einerſeits eine zerſetzende Kritik breit, während andrerſeits ſtarres Feſt⸗ halten an der Ueberlieferung die wirklich vorhandenen Widerſprüche entweder vornehm ignorirt oder auf ſo gewaltſame Weiſe zu erklären verſucht, daß man Zweifel hegen muß, ob je ein Ausgleich zwiſchen den ſo ſchroff hervortretenden Gegenſätzen möglich ſein wird. Faſt jeder der beim Streite Betheiligten erhebt den Anſpruch auf Unfehlbarkeit und je unſicherer und zweifelhafter die Gründe für eine Behauptung ſind, deſto größer iſt die Sicherheit, mit der ſie vorgetragen werden, während man die Meinungen anderer mit einer Grobheit abthut, die an Kraft und Naturwüchſigkeit den Worten des Ziegenhirten Melanthios 219, 220, 248, mindeſtens gleichkommt. Die große Gereiztheit, die hierbei zu Tage tritt, mag ihren Grund in dem Umſtand haben, daß zu viel nur nach ſubjectivem Gefühl, nach perſönlichem Wohlgefallen und Geſchmack geurtheilt wird, indem jeder ſich allein das richtige Verſtändniß zuſchreibt, bei den Gegnern aber nurquerköpfige Philiſterhaftigkeit, Bornirtheit u. ſ. w. findet. Da ein ſoches ſubjectives Belieben ſich am leichteſten in negativer Weiſe verwerthen läßt, ſo haben viele ſich im Wetteifer bemüht von dem Kranze des Homer ein Stück nach dem andern als Interpolation, als grobe Fälſchung, als des Dichters durchaus unwürdig u. ſ. w. loszureißen, ſo daß ſo ziemlich der größte Theil der Homeriſchen