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fertigen Ergänzung mangelhafter Präparation gebraucht werden. Für die ſchulmäßige Erklärung iſt der Grundſatz zu befolgen, daß man immer den einfachen Text im Auge behält und, ohne ſich zur Vielerklärerei und zum Herausreißen grammatiſcher oder hiſtoriſcher Fragen verleiten zu laſſen, nur das beibringt, was mit Nothwendigkeit aus dem Weſen des vorliegenden Schriftſtücks ſich ergibt.)
Doch dies iſt eine Forderung, die für die Interpretation eines jeden Schriftſtellers gilt; in welcher Beziehung aber hat ſich die Behandlung der Schullectüre des Homer von der anderer Claſſiker zu unter⸗ ſcheiden? Wenn es wahr iſt, was die Literarhiſtoriker behaupten, daß die Homeriſchen Epen das Höchſte ſind, was der griechiſche Geiſt geſchaffen, daß ſie hinſichtlich der Großheit und Originalität einzig und nicht nur etwas durchaus Neues, noch nie Dageweſenes, ſondern das vollendete Muſter der epiſchen Poeſie überhaupt ſind, wenn ſie eine hohe Meiſterſchaft und Kunſt, die mit vollem Bewußtſein von einem wunder⸗ bar begabten Dichtergeiſte geübt ward, bekunden,¹) wenn ferner nach dem Urtheil eines alten Kunſtrichters es ſchon das Merkmal eines großen Geiſtes iſt, die Größe Homers nur zu faſſen und zu verſtehen, da ſeine Vollkommenheit ſelbſt doch unerreichbar ſei,s) darf da die Schule ſich damit begnügen, nur ſo ſchlecht⸗ weg im Laufe des Schuljahrs die durch den Lehrplan vorgeſchriebene Anzahl von Geſängen abzuthun? Nein, ſie hat darauf hinzuwirken, daß dem Schüler allmählich eine Ahnung von der gewaltigen Größe dieſes Dichtergenius komme, daß er für die Einfachheit und Natürlichkeit wie für die Großartigkeit und vollendete Kunſts) dieſer Dichtungen einiges Verſtändniß gewinne und ſie ſchätzen, bewundern und lieben lerne. Freilich iſt dies leichter geſagt und gefordert als ausgeführt. Hat es doch bekanntlich lange genug gedauert, bis man die Feſſeln eines verkehrten Geſchmacks abgeworfen und die Poeſie Homers richtig zu beurtheilen und zu würdigen gelernt hat. Jahrhunderte hindurch galt Vergil als der König der Dichter und glänzende Rhetorik hatte den einfachen natürlichen Ausdruck verdrängt; da kam bei uns Deutſchen zuerſt der Vater der Dichtkunſt wieder zu der ihm gebührenden Ehre und vor allen andern lehrte uns Leſſing die Naturwahrheit und erhabene Einfachheit der homeriſchen Poeſie mit Verſtändniß erfaſſen und bewundern. Auch Herder, Göthe und Schiller haben wiederholt auf die unvergängliche Schönheit der homeriſchen Dichtungen hingewieſen, die durch zahlreiche Ueberſetzungen allgemeiner verbreitet und bekannt wurden. ¹⁰)
6) Herbſt, das claſſiſche Alterthum in der Gegenwart. Leipzig. Teubner. 1852 S. 169.
⁷7) Bergk, Griechiſche Literaturgeſchichte, 1. Berlin. 1872. S. 441 ff.
³) Quintilian. X, 1,50: Quid eain verbis, sententiis, figuris, dispositione totius operis, nonne humani ingenii modum excedit? ut magni sit viri, virtutes non aemulatione, quod fieri non potest, sed intellectu sequi.
9) Bernhardy, Grundriß der Griech. Litt. 2. Bearb. II, 1. 1856. S. 36:„Man erſtaunt wahrzunehmen, wie voll⸗ kommen Homer aller Erforderniſſe der epiſchen Technik mächtig war und mit wie klarem Bewußtſein er auf den verſchieden⸗ ſten Punkten alle Mittel und Reize des Epos verwendet.“
¹10) Bergk, S. 514.„Voß hat ſich durch ſeine Ueberſetzung Homers ein unvergängliches Verdienſt erworben.“— Herbſt a. a. O. S. 150 behauptet,„daß wir den Griechen, die ſeit zwei Jahrtauſenden aus der Geſchichte verſchwunden ſind, innerlich näher ſtehen als z. B. den Franzoſen, deren Land wir in ein paar Stunden erreichen können“, und Niebuhr(Vorrede zu Demoſth. 1. Phil. Rede, im Auszug überſ. neuer Abdruck, Hamburg, 1831) bezeichnet Griechenland als„das Deutſchland des Alterthums“, ein Ausdruck der an der betr. Stelle zunächſt in politiſcher Beziehung zu verſtehen iſt, ſich aber auch auf die Gleichartigkeit der Erſcheinungen im Gebiete geiſtiger Bewegung übertragen läßt. Wir glauben auf dieſe geiſtige Ver⸗ wandtſchaft hier beſonders aufmerkſam machen zu müſſen, weil ſich in neurer Zeit in Folge des Auftauchens der Ueberbür⸗ dungsfrage bei einem großen Theil des Publikums eine gewiſſe Mißſtimmung gegen das Griechiſche feſtgeſetzt hat, da dieſes


