Aufsatz 
Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments
Entstehung
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Die Briefe bestätigen die Fähigkeit des Menschen, das Gute zu wollen, in den Stellen Ich schreibe euch, Jünglinge, weil ihr den Bösen überwunden habt(I. 2, 13. 14, vgl. 5, 4), (dies war ihnen doch nur durch ihre Willenskraft gelungen.),Wie seine Salbung euch belehrt über alles.... so bleibet in ihm(I. 2, 27); sie sollen sich mit festem Willen an die ihnen von Christus mitgeteilte Erkenntnis halten. Ganz direkt werden Erkenntnis und Wille als Grundlagen dersittlichen Entscheidungen zusammengestellt in den Worten:Wer sagt: ich habe ihn erkannt und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner und in ihm ist die Wahrheit nicht(I. 2, 4), in dem vorhin angeführten I. 3, 9 und(Ev. 12, 48) Wer mich verachtet und meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter; das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am jüngsten Tage.

Schlussbemerkungen.

Mögen die neutestamentlichen Schriftsteller die Sünde auch mit verschiedenen Ausdrücken kennzeichnen, so stimmen sie doch im Urteil über dieselbe überein. Keiner sieht sie etwa als einen notwendigen Durchgangspunkt der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit an; nein, alle halten sie für ein Obel. Nur als solches lässt sich ja auch vernünftiger Weise die Ver- letzung des göttlichen Gesetzes, die Auflehnung gegen den göttlichen Willen auffassen, da in ihr ein krankhaftes UÜberwiegen der Rücksicht auf das menschliche Ich, der Egoismus, zu Tage tritt. Mag dies auch ganz besonders bei den Versündigungen gegen den Nächsten ins Auge fallen, so trifft es doch auch auf alle übrigen zu. Nur wenn der Mensch seine Gedanken und seinen Willen den Gedanken und dem Willen Gottes überordnet und sich danach in seinem Thun und Lassen selbst bestimmt, wenn er sich in Selbstüberhebung der geistigen Leitung Gottes entzieht, sich also innerlich von Gott entfremdet, erscheint die Sünde in seinem Leben. Die falsche Gestaltung des menschlichen Innenlebens ist demnach auch schon Sünde, sofern Hoch- mut und Gottentfremdung innerhalb desselben durch die Schuld des Menschen zu einer gewissen Kraft gelangt sein müssen, ehe sie sich in Werken und Thaten ausprägen können.

Wer, wie das viele thun, die sittliche Rechtbeschaffenheit mit der persönlichen Korrekt- heit gegenüber dem Walten der Justiz und den Verordnungen der Polizei verwechselt, verengert das Gebiet der Sünde ganz bedeutend und nimmt namentlich Anstoss an der Behauptung ihrer AIllgemeinheit. Diese wird bezüglich der vorchristlichen und nichtchristlichen Menschheit, wie auch der Christen im N. T. angenommen, obgleich nicht in jeder einzelnen Schrift aus- drücklich ausgesprochen. Dessen bedarf es jedoch auch nicht. Die sittlichen Anforderungen. die in Gestalt von Ermahnungen und Warnungen oder Hinweisen auf Jesu sündloses, durchaus vorbildliches Leben an die Christen gestellt werden, nötigen auch dem besten die Erklärung ab, dass nach den Erfahrungen, die er mit sich und andern gemacht hat, nicht ein einziger so be- schaffen ist, wie er sein sollte. Dass bei unzähligen Christen die Sünde noch in gleicher Kraft auftritt als bei Nichtchristen, namentlich in Gestalt von roher oder durch feine Formen über- tünchter Lieblosigkeit und Genusssucht und feiger Verlogenheit, ist für die ganze Christenheit besonders darum überaus beschämend, weil durch das ganze N. T. die Erwartung hindurchgeht, dass die Sittlichkeit innerhalb ihres Bereiches bedeutend entwickelter sein werde, als ausserhalb desselben.

Diese Erwartung hat um so weniger Aussicht auf Erfüllung, je mehr Christen dem apostolischen WortSie sind allzumal Sünder auch bezüglich ihrer eignen Person die Anerkennung versagen. Je hartnäckiger sich nämlich ein Christ dagegen wehrt, einSünder zu heissen, um so ferner ist er vom Reiche Gottes, um so mehr ist er in Gefahr,der Sünde Knecht zu werden, denn er scheut das Ergebnis der schonungslosen Selbstbeurteilung nach christlichem Massstab, er meint gesund zu sein, wenn er leugnet krank zu sein.

Das neutestamentliche Wort:Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so be- trügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns, ist wahr und sollte jeder Anwandlung von Selbstgerechtigkeit ein rasches Ende bereiten. Der Selbstgerechte überschätzt seine Leistungen, erkennt seine Schwächen nicht, verkennt die Hoheit des Sittengesetzes und die Schwierigkeit ihm zu genügen. Die christliche Religion erkennt das Gute an, das des Menschen Leben ziert, und berechtigt durchaus nicht dazu, alle Christen für gleich sündhaft zu erklären. Es gibt mannigfache Abstufungen der Sündhaftigkeit. Wenn diese nicht bestünden, sondern alle Christen gleichweit unter der Herrschaft des Bösen stünden, so wäre das ein trauriges Armutszeugnis tür die Kraft des Evangeliums. Trotzdem muss immer wieder erklärt werden, dass alle sündigen,