Aufsatz 
Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments
Entstehung
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da sich nur so die Aufforderung an alle Menschen, ihr Heil bei Christus zu suchen, mit seiner Hilfe an der steten Hebung und Besserung ihres Wesens zu arbeiten, rechtfertigen lässt.

Die Frage, seit wann die Menschen sündigen, kann nur durch einen Schluss beant- wortet werden. Wenn die Sünde in der Menschheit vorhanden ist, seit wir geschichtliche Kunde von deren Thun und Treiben haben, wird sie auch schon vorher dagewesen sein. Und wenn sie sich trotz der Gegenströmung der christlichen Religion in der Menschheit so fest behauptet, wird sie erst recht geherrscht haben, so lange die ungestörte Natürlichkeit deren Lebenselement ausmachte.

Die interessanteste Frage bleibt die:WMie kommt die Einzelperson zur Sünde? Die Antwort, die Jesus darauf gibt, befriedigt völlig. Natürlichkeit und Freiheit sieht er als die beiden Faktoren an, die bei der Entstehung der Sünde zusammenwirken. Das kann jeder von uns aus der Erfahrung, die er an sich macht, als richtig erkennen. Wir fühlen uns bisweilen durch einen Zug unsres Wesens, den wir bei uns antreffen, ohne seine Entstehung bemerkt zu haben, zur Auflehnung gegen das christliche Sittengesetz, gegen die Forderung des Guten und Pflichtmässigen, das wir durch Erziehung und Unterricht kennen gelernt haben, ver- sucht. Doch haben wir gleichzeitig die Empfindung, als ob wir dieser Versuchung nicht wehrlos gegenüberstünden, nicht ohne Weiteres zum Opfer fallen müssten. Wir erkennen die Berechtigung des christlichen Sittengesetzes, da es unser Verhältnis zu Gott und unsern Mitmenschen voll- kommen richtig zu gestalten vermag, wir sehen ein, dass die Unterordnung unter dasselbe mit Recht von uns erwartet werden darf, weil wir nur durch sie unsre Bestimmung erreichen können, wir fühlen eine Kraft in uns, durch deren Aufgebot es uns möglich würde, das erkannte Gute in unserem Reden und Thun auszuprägen, der Reizung zum Bösen zu widerstehen.

Wie kommen wir aber trotzdem zum Sündigen? Es ist durchaus falsch, unsere Leiblichkeit als solche zur Urheberin der Sünde zu machen und die Behauptung aufzu- stellen, das natürliche Leben des Menschen sei selbstverständlich sündig, der Geist strebe selbst- verständlich Gott zu, denn dadurch geraten wir in einen Dualismus, der zu nicht gewünschten Folgerungen treibt. Führt nämlich das Sinnenleben des Menschen notwendig zur Sünde, so ist jeder durch die sinnliche Seite seiner Persönlichkeit, ohne die der BegriffMensch nicht zustande kommt, zur Sünde gezwungen, die Sünde eine gottgewollte Notwendigkeit, denn Gott hat dem Menschen seine Leiblichkeit gegeben. So ist es jedoch nicht; diese hat ihr gutes Recht, denn sie ist das Werkzeug, durch das derGeist d. h. der eigentliche Kern der Persönlichkeit, das Ich, auf die ihn umschliessende Welt einwirkt. Sie erhebt Ansprüche, die völlig berechtigt sind, sofern sie zu ihrer Selbsterhaltung und Befähigung, dem Ich zu dienen, befriedigt werden müssen, und sofern dies innerhalb der Grenzen des sittlich Zulässigen geschieht. Dass das Leibliche nicht stets Mittel zur Erreichung der Zwecke des Geistes in dem eben festgestellten Sinne pleibt, sondern der Hauptfaktor im Leben der Einzelperson wird, dass sinnliche Regungen deren Auf- treten bestimmen, wird nur dadurch ermöglicht, dass sie ihre Aufgabe, sich nach der ihr be- kannten Norm des auf sittliche Hebung und Vervollkommnung abzielenden göttlichen Willens zu richten, nicht anerkennt. Erkennen wir diese an, so werden wir uns damit auch zugleich der Fähigkeit bewusst, sie für unser persönliches Verhalten gelten zu lassen oder nicht, fühlen wir, dass wir imstande sind, uns selbst unsern Weg zu wählen, merken wir, dass wir einen Willen haben.

Dabei müssen wir selbstverständlich unser Ich als ein in sich geschlossenes Ganzes an- sehen. Mögen wir von Natur besonders zum Guten oder zum Bösen geneigt sein, von unsern Vorfahren besonders gute oder böse Eigenschaften, ein günstiges oder ungünstiges Temperament geerbt haben, so ist das eben das Charakteristische an unserm Ich. Das sind keine Fak- toren, die auf das Ich einwirken, sondern mit andern das Ich ausmachen. Jeder Mensch bestimmt sich nach seinem Wesen, ist ganz frei in sich. Das Mass von Einwirkung, das er bösen oder guten Einflüssen von aussen her auf seine Entschliessungen gestattet, ist seine Sache; er verarbeitet alles, was ihm zur persönlichen Aneignung nahetritt, nach seiner Eigenart. Eben darum entwickeln sich auch Menschen unter gleichen Einflüssen möglicherweise ganz ver- schieden, weil sie von Natur verschieden angelegt sind. Wir wissen nicht, wie weit Schwäche oder wirkliche Bosheit d. h. Lust am Bösen bei ihren Verfehlungen mitwirkt, was von ihrer sündhaften Lebensführung auf natürliche Beanlagung oder auf ihre eigne Nachlässigkeit in der Ausbildung ihrer sittlichen Kraft zurückzuführen ist, wir müssen annehmen, dass wir uns in dieser Beziehung sehr oft und sehr stark irren. Trotzdem verfahren wir ganz korrekt, wenn wir