Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments,
dargestellt von
Professor Rudolph Trümpert.
Vorstehende UÜberschrift bedarf einer Erklärung. Wir finden nämlich eine eigentliche Lehre von der Sünde d. h. eine zusammenhängende, erschöpfende Gedankenentwicklung über diesen Gegenstand bei den neutestamentlichen Schriftstellern nicht, auch nicht bei Paulus, der ihn allein von allen in einem längeren Abschnitt des Römerbriefes behandelt. Wir müssen vielmehr alles im N. T. über die Sünde Gesagte zusammensuchen und das Gefundene richtig zusammenstellen. Ob mir dies gelungen ist, weiss ich nicht; ich habe mich wenigstens bemüht, es zu thun. Mancher hält dieses Verfahren für gewaltthätig und meint, man solle die neutestamentlichen Schriften, besonders die Briefe als Gelegenheitsschreiben, doch nicht zerpflücken, sondern unmittelbar auf den Leser wirken lassen. Das lautet ganz plausibel, aber es wird dabei einerseits übersehen, dass es heutzutage verhältnismässig wenige selbst unter den kirchlich gesinnten Christen gibt, die das N. T. überhaupt oder gar oft lesen, so dass sie in der Urkunde ihres Glaubens Bescheid wüssten, und andrerseits, dass es gerade dem ernstgerichteten Christen ein Bedürfnis ist, Gleich- artiges aus dem N. T. zusammenzutragen und so einen Uberblick über alles zu gewinnen, was— darin über die einzelnen Hauptpunkte seiner religiös-sittlichen Anschauung gesagt worden 2S 088
Solange eine solche Zusammenstellung, die als„Lehre“ bezeichnet wird, nicht von einer Religionse e f gemeinschaft ausgeführt wird, die deren ausschliessliche Richtigkeit von allen ihren Angehörigen/ 2‿ anerkannt wissen will, hat sie den Charakter eines Gewaltaktes durchaus nicht. Im Gegentéil Son) der evangelische Christ, der sie vornimmt, lernt etwas dabei, gibt diesem oder jenem Mitehrisſes GI Anregung, sich mit dem gleichen Stoff eingehend zu beschäftigen und macht bei seiner Arbèite nur Gebrauch von seiner evangelischen Freiheit. Diese besteht ja doch darin, dass sich der einzelne Evangelische als solcher berechtigt und durch seinen Sinn für die christliche Wahrheit auch inl verpflichtet weiss, alle Aussagen über die Hauptpunkte der christlichen Religion und Sittenlehré, mögen sie einen offiziellen Charakter tragen oder nicht, an dem Wort der h. Schrift auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Da die Sünde im Leben aller Menschen, mithin auch aller Christen, erfahrungsmässig auftritt, ja sozusagen als unvermeidliches Stück in der Scenerie des menschlichen Daseins erscheint, hat das aufgestellte Thema Wichtigkeit genug, um zu seiner Behandlung aufzufordern. Hinsichtlich der letzteren ist noch folgendes zu sagen. Die neutestamentlichen Schriften gehören teils gruppenweise zusammen, teils müssen sie einzeln betrachtet werden. Sie werden daher hier so geordnet erscheinen: 1. Die synoptischen Schriften: Das Evangelium nach Matthäus, Markus und Lukas 2. Die Reden der Apostelgeschichte
Progr. d. Neuen Gymn. Darmstadt 1901. No. 691. 1
Lehrerbibliothek der Oberrealschule Aiessen 7


