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Er hat offenbar die Ansicht, dass dieser Vorgang nach der natürlichen Beschaffenheit des Menschen zu erwarten ist, wenn er von„menschlichen Gelüsten“ spricht, doch behauptet er nicht, dass das Unterliegen der Seele d. h. des Gottverwandten im Menschen durch dessen Wesen selbst oder durch fremde Einflüsse notwendig gemacht und darum entschuldbar sei. Er wendet sich daher an den Willen und sucht ihm die Richtung auf das Gute zu geben. Er verlangt von den Lesern seines Briefes(1, 13 ff.), dass sie ihr Leben nach dem Heiligen, der sie berufen hat, gestalten, nüchtern, Kinder des Gehorsams, in allem Wandel heilig seien, in Furcht über die Zeit ihres Beisitzes wandeln,(1, 22, vgl. 4, 8)„der Wahrheit gehorsam seien, einander von Herzen innig lieben“,(2, 5)„sich als lebendige Steine(am Bau der Gemeinde) auf- bauen lassen, Gott wohlgefällige geistliche Opfer darbringen“,(2, 21, vgl. 3, 15)„den Spuren Christi nachfolgen“,(3, 13)„Eiferer für das Gute werden“,(4, 1)„sich gegenüber dem bevor- stehenden Leiden mit der Gesinnung Christi bewaffnen“,(4, 2)„ihre Zeit für Gottes Willen leben“, (5, 9)„dem Widersacher im Glauben widerstehen“.
Die den Lesern ermöglichte sittliche Erkenntnis wird in mehreren Aussprüchen betont. Sie waren früher im Stand der„Unwissenheit“(1, 14), sind aber nun„aus der Finsternis in sein(Gottes) wunderbares Licht berufen“(2, 9, vgl. 1, 15),„zu dem lebendigen Stein(Christus) gekommen“(2, 4) und kennen das Schriftwort„Ihr sollt heilig sein, denn ich(Gott) bin heilig“(1, 15), wie überhaupt„die Wahrheit“(1, 22),„Gottes Wort, das Evangelium“(1, 25).— Dass eine Einwirkung der Erkenntnis auf den Willen er- wartet wird, zeigt die Forderung des„Gehorsams gegen die Wahrheit“(1, 22).
Die Sünde kommt also aus Anregung fleischlicher Lust dadurch zu stande, dass die vorhandene sittliche Erkenntnis den Willen nicht ge- nügend beeinflusst, um dessen Entscheidung für das Gott Missfällige zu verhüten.
G. Die Pastoralbriefe.
a) Wesen der Sünde. Die Sünde erscheint(I 1, 9) als: Lossagung von Gott, infolge deren dem Menschen„nichts heilig, alles gemein ist“,(II 3, 2— 6) Bevorzugung der Lust vor Gott d. h. Folge grösserer Wertschätzung der Sinnenlust, als des göttlichen Wohlgefallens, des Mangels an Sinn für das Gute, ein von allerlei Begierden Umgetriebenwerden,(T. 3, 3) ein mancherlei Lüsten und Begierden Frönen, Ungehorsam,(T. 2, 12) Gottlosigkeit und Dienst weltlicher Lüste. Sie ist also Gottentfremdung, Bewegung in niederen Lebenssphären, Verleugnung der sittlichen Würde, die der Mensch nach seiner Daatin mung zu wahren hat.
b) Allgemeinheit der Sünde. Sie wird angenommen in dem Ausspruch(I 2, 4):„(Gott) will, dass alle Menschen(aus dem Leben in Sünde) gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Die Stellen(I 3, 10)„Sie(die Diakonen) sollen sich prüfen lassen und dann, wenn sie ohne Tadel sind, in den Dienst treten“(vgl. I 5, 7) und„die Witwe soll.... wohlbezeugt in guten Werken,... jedem guten Werk nachgegangen“ sein(I 5, 10) sprechen nicht dagegen, denn die in ihnen von Diakonen und Witwen geforderten Eigenschaften sind nicht mit Sündlosigkeit gleichbedeutend. Diese wird auch noch nicht erreicht, wenn die Christen nicht mehr wie„einstmals“ d. h. vor ihrem Anschluss an Christus„mancherlei Begierden und Lüsten frönen“.(I. 3, 3)..
c) Entstehung der Sünde bei der Einzelperson. Der Verfasser bezeichnet auf Grund der alttestamentlichen Erzühlung vom Sündenfall Eva als die Person, die die unendliche Reihe der Sünder eröffnete, in den Worten(I 2, 14):„Die Frau aber ward betrogen und kam zu Fallꝰ. Von wem sie betrogen wurde, ist nicht gesagt, doch müssen wir gemäss der Darstellung in Gen. 3 an die Schlange als Sinnbild der sinnlichen Lust denken. Eva und alle, die nach ihr sündigten,„liebten die Lust mehr als Gott“(II 3, 4); sie alle waren in dem verderblichen Irr- tum befangen, dass sie sich im Dienst der Sinnenlust dauernd wohler fühlen würden, als im Dienst Gottes,„frönten mancherlei Begierden und Lüsten“(T. 3, 3), folgten„weltlichen Lüsten“(T. 2, 12), wurden„von allerlei Begierden umgetrieben“(II 3, 6). Eva kannte ein Verbot Gottes, handelte also gegen ihr besseres Wissen, wie es alle Sünder in gleicher Lage thun, entschied sich trotz ihrer Erkenntnis des pflichtmässigen Verhaltens in falscher Willensrichtung für das Böse.
Erkenntnis und Wille erscheinen als die beiden Faktoren, die bei der Ausführung des Guten und des Bösen vornehmlich in Betracht kommen.
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