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zu vollbringen“(E. 2, 3). Bei ihr kann auch das Böse von aussen her eine Anknüpfung finden (E. 6, 10 ff.). Doch soll ihr der Christ nicht nachgeben. Er besitzt die Fähigkeit, das Gute zu wollen(Ph. 2, 13),„am Wort des Lebens zu halten“(Ph. 2, 15, 16), guten Vor- bildern nachzufolgen(Ph. 3, 17, vgl. Ph. 4, 8. 9.), er hat in seiner christlichen Er- kenntnis eine stete Anregung seines Willens zum Guten. Darum sagt der Verfasser:„Jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn“(E. 5, 8),„daran(an die in V. 3 u. 4 aus- gesprochene Warnung) denket in der Erkenntnis, dass...“(E. 5, 2),„Habt ihr ja doch von ihm(Jesus) gehört und seid in ihm unterrichtet, sowie es Wahrheit ist bei Jesus“(E. 4, 21), „Nur führt euer Gemeinschaftsleben würdig des Evangeliums“(Ph. 1, 27),„Ich flehe nur, dass eure Liebe noch mehr und mehr reich werde in Erkenntnis und allem sittlichen Gefühl“(Ph. 1, 9), „... den(Christus) wir verkündigen, jedermann ermahnend und unterrichtend in aller Weisheit, damit wir jedermann darstellen vollkommen in Christus“(K. 1, 28),„Wie ihr nun den Herrn Jesus Christus überkommen habt. so wandelt in ihm...“(K. 2, 6),„Endlich, Brüder, was wahr ist, was wohllautend, was eine Tugend, ein Lob, dem denket nach; was ihr auch gelernt und überkommen und gehört und gesehen habt bei mir, das thut“(Ph. 4, 8. 9),„Darum aber lassen auch wir nicht ab... für euch zu beten und zu bitten, dass ihr möget erfüllt werden mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlicher Einsicht, zu wandeln würdig des Herrn zu allem Wohlgefallen, fruchtbringend in allem guten Werke...“(K. 1, 9. 10).
Wir treffen sicherlich die Anschauung des Verfassers, wenn wir sagen, dass die Nicht- beeinflussung des Willens durch die christliche Erkenntnisdie Ubermacht des Fleisches, der Sinnlichkeitfördert, zur Gottentfremdung undzur Sünde führt.— Die Stellen E. 1, 11. 2, 22. 3, 16. Ph. 1, 6. 2, 13. K. 1, 9. 10. 12 werden oft so ge- deutet, als ob der Mensch willenlos von Gott zum Guten getrieben werde. Dieser Gedanke ist jedoch ganz verkehrt, da Gott niemals magisch auf den Menschen einwirkt. Jene Stellen sollen nur den Christen zum Bewusstsein bringen, wie reich sie von Gott durch Christus begnadigt worden sind, und ihr Streben, ihre Selbstthätigkeit besonders stark anregen.
5. Der 1. Petrusbrief.
aa) Wesen der Sünde. Die Sünde wird charakterisiert als: Gestaltung des Lebens nach den alten Lüsten aus der Zeit der Unwissenheit(1, 14), Böses thun(2, 14. 3, 17), Fehltritt, (2, 20), ein Leben für menschliche Gelüste(4, 2), verlorenes Leben(4, 4). Sie ist also das aus Unwissenheit(das gilt jedoch nur für Nichtchristen) und sinnlicher Lust her- vorgehende verfehlte Thun und Treiben.
b) Allgemeinheit der Sünde. Die Christen„haben abgelegt alle Bosheit und allen Trug und Heuchelei und Neidereien und alle Verleumdungen“ 2, 1, die ihnen demnach früher eigen gewesen sind, wie allen Nichtchristen, denn„ihre vergangene Zeit ging da- auf, den Willen der Heiden zu vollbringen“(4, 3), sie„laufen aber nun nicht mehr mit im Strome des verlorenen Lebens(der vorchristlichen Menschheit)(4, 4), sie„sind zur Ruhe ge- kommen von der Sünde“(4, 1), sie sind„ein auserwähltes Geschlecht, königliche Priesterschaar, heiliger Stamm, Volk zum Eigentum,... Gottes Volk“(2, 9. 10),„von ihrem eitlen von den Vätern überlieferten Wandel durch Christi Blut losgekauft“(1, 18. 19); Christus, der keine Sünde gethan hat, hat ihnen ein Vorbild hinterlassen, damit sie seinen Spuren nachfolgen(2, 21. 22). Der Schreiber(ein Pauliner?) meint also von den Christen ein sündenreines Leben er- warten zu dürfen, hält es aber trotzdem für angezeigt, ihnen zu sagen:„Verlanget als neuge- borene Kinder nach der vernünftigen, unverfälschten Milch(dem Evangelium), damit ihr durch dieselbe wachset zum Heile“(2, 2),„Ich ermahne euch,... euch zu enthalten der fleischlichen Begierden, die wider die Seele streiten“(2, 11). Dass es die Christen wirklich zur Sündlosig- keit bringen könnten, glaubt demnach der Verfasser nicht hoffen zu dürfen. Folglich können. wir es als seine Meinung ansehen, dass alle Menschen sündigen.
c) Entstehung der Sünde bei der Einzelperson. Der Verfasser redet(1, 14) von„alten Lüsten“ d. h. solchen, denen die Christen vor ihrer Bekehrung folgten, und(4, 2) von„mensch- lichen Gelüsten“ und warnt(2, 11) vor den„fleischlichen Lüsten, die wider die Seele streiten“. Er nimmt also(wie Paulus Gal. 5, 17) eine doppelte Strömung im Innern des Menschen an, einen Widerstreit zwischen„Fleisch“ und„Seele“(bei Paulus„Geist“), ein Hin- und Her- schwanken des Menschen zwischen der Richtung seines inneren Lebens auf das Gott Missfällige und das Gott Wohlgefällige, das dann auch in der äusseren Lebensführung bemerkbar wird.


