Aufsatz 
Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments
Entstehung
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ein abnormes; die Thatsache des oben erwähnten inneren Unvermögens des Gesetzes hält er nicht für genügend, um seine Verfehlungen zu entschuldigen. Nur darum fühlt er sich doch unglücklich angesichts seiner Sünde, weil er demGesetz in seinen Gliedern aus Schwachheit nachgibt, während ernach dem inneren Menschen dem Gesetz Gottes mit Freuden zustimmt, mit seinem Willen also hinter der erkannten Pflicht zurückbleibt(R. 7, 22, 23).

Er appelliert auch oft an den Willen, denn jede seiner zahlreichen Ermahnungen ist ein Appell an das dem Menschen einwohnende Willens- vermögen. Ich führe nur einige derselben an:Also achtet auch ihr euch als tot für die Sünde, lebend aber für Gott in Christo Jesu. So herrsche nun nicht die Sünde in eurem sterb- lichen Leib, dass ihr seinen Begierden gehorchet, bietet nicht eure Glieder der Sünde als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern bietet euch selbst Gott dar(R. 6. 11 13),Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem(R. 12, 21),So lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichts. Gleich als am Tage lasset uns wohlanständig wandeln(R. 13, 11 14). Er redet(R. 2, 7) von solchen,die mit Ausdauer im guten Werk nach Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit trachten.

Der Willezum Guten wirdangeregtundgestützt durch die Erkenntnis des pflichtmässigen Verhaltens, die den Christen ermöglicht worden ist. R. 6, 4 6 heisst es:... damit, wie Christus auferweckt wurde..., so auch wir im neuen Stande des Lebens wandeln... in der Erkenntnis, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt ward. damit der Leib der Sünde vernichtet werde, auf dass wir nicht mehr der Sünde Sklaven seien,(R. 13, 11)und das(von 13, 11 an Geforderte) thut in der Erkenntnis der Zeit, nämlich dass die Stunde für euch da ist, aus dem Schlaf zu erwachen,(R. 6, 17)Dank aber sei Gott, dass ihr zwar Knechte der Sünde waret, von Herzen aber gehorsam wurdet in An- gemessenheit der Lehre, zu der ihr gebracht wurdet,(G. 4, 9)jetzt, da ihr Gott kennt oder vielmehr von ihm erkannt seid, wie möget ihr wieder umkehren zu den unvermögenden, arm- seligen Elementen...?

Dadurch, dassder Christ alssolcher im Besitz der Erkenntnisist, die ihn anregt, nur das Gute zu wollen, wird nun freilich die Möglichkeit nicht aufgehoben, dassdas Fleisch wider den Geist gelüstet, zumal es nicht an schlechten Einflüssen von aussen her fehlt(I. K. 15, 33). Aber es ist damit nicht gesagt, dass das gleichzeitige Gelüsten des Geistes wider das Fleisch stets mit einer Niederlage des Geistes endigen müsse und das Wort:Sie sind wider einander, dass ihr nicht thut, was ihr wollt, auf ein stetes Unterlassen des gewollten Guten zu deuten sei. Diese Deutung ginge ganz gegen die Erwartungen des Apostels, denn nicht nurdie Werke des Fleisches werden als Ergebnis jener Auseinandersetzung zwischen Geist und Fleisch(V. 19 21) erwähnt, sondern auch(V. 22)die Frucht des Geistes, von dem sich der Christ treiben lassen soll(R. 8, 14), und V. 25 folgt die Mahnungwenn wir durch den Geist leben, so lasset uns auch im Geist wandeln, d. h. wenn wir nun einmal dem Geist Christi unser Inneres erschliessen, so wollen wir davon auch in unserem Lebenswandel Zeugnis ablegen. So gewiss der Widerstreit zwischen Geist und Fleisch im Leben jedes Christen hervortritt, ebenso ungewiss ist indessen Zahl und Mass der Siege oder Niederlagen des einen oder andern. Die innere Verschiedenheit der Christen be- dingt jene. Das erkennt auch Paulus(R. 8, 5) an, denn hier sagt er:Wer nach des Fleisches Art ist, der geht auf des Fleisches Ziele aus, wer nach des Geistes Art ist, auf des Geistes Ziele: er redet(R. 8, 7) vonFeinden Gottes, doch(V. 13) auch von solchen,die durch den Geist des Leibes Gewohnheiten töten d. h. den fleischlichen Gelüsten durch die Kraft des Lebens in und mit Christus die Befriedigung versagen. Nach dem Gesagten lässt sich aber der Gedanke nicht unterdrücken, dass der Apostel solchen, die auf das Fleisch säen(G. 6, 8) d. h. nur dem Fleisch leben, ihre Befriedigung ausschliesslich in der Hingabe an die Sinnlichkeit suchen und tinden, die Berechtigung sich Christen zu nennen gänzlich absprechen würde.

Überblicken wir alles unter c Gesagte, so können wir es kurz so ausdrücken: An seinemFleisch d. h. seiner sinnlichen Natur hat der Mensch eine stete Versucherin zum Bösen. Siesollte sich demGeist, dem gottverwandten Kern der Persönlichkeit, dem eigentlichen Ich, als Werkzeug unterordnen, aber sie strebt selbst nach der Herrschaft über dieses, die ihr nicht zu- kommt, und wird dazu ganz besonders durch das göttliche Gesetz gereizt, das die Bestimmung hat, das rechte Verhältnis zwischenGeist' und