Aufsatz 
Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments
Entstehung
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andern; er glaubte dem geistigen und dem ewigen Tod als dem Lohn seiner Ubertretungen entgegengetrieben zu werden. Und doch wollte er ein solches Ende mit Schrecken nicht nehmen. Darum drückt er den ganzen Jammer seiner gefolterten Seele in dem Ruf(7, 24) aus:Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes?(d. h. von diesem Leben, das sicher zum Tode führt.)

Die Anwendung der besprochenen Stelle auf(evangelische) Christen, die nicht aus dem Volke der Juden hervorgegangen sind, scheint unzulässig zu sein, ist es aber nicht. Der Zustand des Innern, wie ihn der ehemalige Pharisäerschüler Paulus ergreifend schildert, lässt sich ja eigentlich nur aus demLeben unter dem Gesetz erklären. Um ihn hervorzubringen bedurfte es, wie sich aus dem Gesagten ergibt, nicht wirklicher Verstösse gegen die ethische Seite des Gesetzes; es genügten dazu schon Verletzungen seiner rituellen Vorschriften. Evangelische Christen sind nun nicht zur Beobachtung ritueller Vorschriften verpflichtet, deren Verletzung ihnen alsSünde gedeutet werden dürfte; sie haben es nur mit dem christlichen Sittengesetz zu thun, das die Bethätigung ihrer christlichen Gesinnung normiert. Mit diesemnur soll aber keineswegs gesagt werden, dass die ihnen gestellte sittliche Aufgabe leichter sei, als die vom Gesetz gestellte. Sie haben kein Ceremonialgesetz, aber sie sollen eine ächt christliche Gesinnung in ihrem Wandel aus- prägen. Sie werden nicht durch casuistische Regeln zum Gehorsam gegen das christliche Sitten- gesetz angewiesen, sondern mit dessen Geist vertraut gemacht und darüber belehrt, dass die richtige Anwendung desselben auf die einzelnen Fälle des Lebens ihnen überlassen bleibt, dass sie in ihr zugleich den Beweis der richtigen Auffassung der Christenpflicht zu erbringen haben. Wem gelänge das immer? Wer empfände nicht den Zwiespalt in seinem Wesen, wer hätte sich keiner Schwäche, keines sinnlichen Trotzes anzuklagen, wer schritte stets vom Wollen des Guten zum Vollbringen fort? Keiner von allen; damit ist aber das traurige Recht erwiesen, die besprochene Stelle mutatis mutandis auch auf evangelische Christen anzuwenden. Nur V. 24 ist auszu- nehmen, denn keiner derselben braucht im Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit dem Apostel die Worte nachzusprechen:Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe diese Todes? DieKraftlosigkeit des Gesetzes(redo υνατoν roν ννιον,»*.οοννυναέι ϑ³ νσ aozdc R. 8, 4) kann ihm als Christ nicht fühlbar werden. Das Gesetz litt an einem inneren Unver- mögen. Es trat nur mit Ansprüchen an die sittliche Kraft des Menschen heran, aber es selbst gab keine Kraft zur Erfüllung derselben. Diese wurde erst durch den Geist Christi gegeben, der des Leibes Gewohnheiten töten, die Herrschaft der Sinnlichkeit und damit der Sünde brechen hilft, zum Leben in Gott hinleitet, das selige Bewusstsein der Gotteskindschaft und der Ge- rechtigkeit vor Gott verleiht(R. 8).

Schon hieraus erhellt, dass nach der Ansicht des Apostels kein Christ im Kampf mit der Sünde unterliegen sollte, dass der Christ, wenn er sündigt, nicht einer Naturnotwendigkeit wehrlos gegenüber steht, sondern sich mit eigner Schuld belastet. Es wird aber auch noch auf andere Weise klar. Den Stellen nämlich, nach denen sich im Sündigen aller ein über der ganzen Menschheit schwebendes unver- meidliches Fatum zu verwirklichen scheint(G. 3, 22 R. 9, 18. 11, 32), stehen solche gegenüber, die eine andere Anschauung vertreten und mit weiter zu besprechenden Gedanken des Apostels in enger Verbindung stehen. Er sagt nämlich(R. 1, 18):Gottes Zorngericht wird vom Himmel her geoffenbart über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen(vgl. 2, 5. 3, 5. 6, R. 2, 2)Wir wissen aber, dass Gottes Gericht nach der Wahrheit kommt über die, die solches(1, 29 31) thun,(R. 2, 9)Drangsal und Bangen kommt über die Seelen aller Menschen, die das Böse schaffen,(G. 6, 7. 8)Lasset euch nicht irre machen, Gott lässt sich nicht spotten. Was der Mensch sät, wird er auch ernten; wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten. Indem er hier den Sündern göttliche Strafe androht, macht er sie für ihre Verschuldungen verantwortlich. Eine Verantwortlichkeit gibt es aber nicht ohne die Möglichkeit freier Entscheidung für das Gute oder Böse auf Seiten des Menschen. Der Apostel nimmt sie an.

Der Tod hat sich auf alle Menschen verbreitet, weil sie alle gesündigt und als Sünder die im Sterben sich vollziehende Strafe verdient haben(R. 5, 12). Er spricht sich selbst(R. 7) die Wahlfreiheit zu und klagt sich an, dass er trotz derselben beim Wollen des Guten geblieben sei, das gewollte Gute nicht vollbracht habe. Er gesteht zu, dassder Zweck des Gebotes das Leben war(R. 7, 10), dass ihm aberdas Gebot zum Tode ausschlug, weil er es nicht erfüllte. Sein Verhalten erscheint ihm doch nicht als ein nach Gottes Ordnung notwendiges, sondern als