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Auf die Willenskraft bezieht sich das Lob, das Paulus den Thessalonichern spendet, weil sie(I 1, 6)„das Wort bei vieler Bedrängnis mit der Freudigkeit heiligen Geistes ange- nommen“ und(V 9)„sich bekehrt haben zu Gott von den Götzen, zu dienen dem lebendigen und wahrhaftigen Gott“ und die Erklärung(I 1, 7), dass sie zum„Vorbild für alle Gläubigen wurden,“ dass Paulus(I 2, 11. 12)„wie ein Vater für seine Kinder, für jeden einzelnen Mahnung und Er- munterung und Beschwörung hatte, dass sie möchten würdig wandeln des Gottes, der sie berief“, dass sie(I 2, 13) das von Paulus gepredigte Evangelium„nicht als Menschenwort, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort aufgenommen haben“(vgl. II 2, 11. 3, 4). Paulus schickte(I 3, 2) den Timotheus,„um die Thessalonicher zu befestigen und zu ermahnen von wegen ihres Glaubens, auf dass keiner sich irre machen lasse unter diesen Drangsalen“, er selbst er- mahnt sie(I 4, 1. 10),„immer fortzufahren“(in ihrem Wandel, in der Bruderliebe),(II 2, 15) „festzustehen und an der UÜberlieferung der empfangenen Lehren festzuhalten“, er„traut auf sie im Herrn, dass sie jetzt und in Zukunft thun, was er ihnen anbefiehlt“(II 3, 4). Das alles ist Willenssache.
Die Worte I 3, 12. 13 II 2, 16. 17. 3, 6 heben die eben für die Anerkennung der Willenskraft durch Paulus angeführten Stellen nicht auf, sondern weisen nur auf die erfreuliche Thatsache hin, dass der Christ in seiner von Gott gegebenen Religion eine besonders wertvolle Quelle sittlicher Kraft und Stärke besitzt.
4 b. Die 4 grossen Paulusbriefe.
a) Wesen der Sünde. Der Apostel gibt keine Begriffsbestimmung der Sünde, deren er sich dann stets bediente, sondern erklärt sie als: Feindschaft gegen Gott(R. 5, 10), ein Sich- selbstleben(2 K. 5, 15), ein Leben nach dem Fleisch(R. 8, 12), Gehorsam gegenüber den Be- gierden des sterblichen Leibes(R. 6, 12), ein Säen auf das Fleisch(G. 6, 8), eine Verleugnung des Glaubens(R. 14, 23). Er zeigt damit, dass er unter„Sünde“ eine prinzipielle Verirrung, einen verkehrten, in den angeführten Ausdrücken charakterisierten Zustand des Innenlebens versteht, aus dem dann die einzelnen Verfehl- ungen selbstverständlich hervorgehen. Diese Verirrung aber besteht da- rin, dass der Mensch„sich selbst lebt“ d. h. sich nicht durch die Sorge für die Erhaltung und Stärkungseines besseren Selbst bei seinem Thun und Lassen bestimmen lässt, sondern durch die Rücksicht auf die Befriedigung der Ansprüche seiner Sinnlichkeit, die ihn in ein feindliches Verhältnis zu Gotthineintreibt. Die Sündeist also ihrem tiefsten Grundenach Egoismus.
Sofern sie eine prinzipielle Verirrung ist, bezeichnet Paulus die„Sünde“ als auagrla (R. 5, 12. 13. 20. 6, 1. 2. 7, 7. 2 K. 5, 21), dvouia(R. 6, 19.2 K 6, 14), 4αανια(R. 1, 18. 3, 5, 6. 13) und„αρααοω(R. 5, 19. 2 K. 10, 6); für Einzelsünden gebraucht er ααœια(2 K. 11, 7), audoryua(R 3, 25), naoanrox(R. 5, 20), àmνιπιπ⁵α(R. 4, 7) und mæodαo(R. 2, 23. 4, 15. 5, 11. G. 3, 19). In manchen Stellen(z. B. R. 3, 9. 5, 21. 6, 6. 11. 12. 14. 17. 7, 8. 9. 11. 17. 23. 8, 2. I K. 15, 5. 6) ist ihm axorla die Sündenmacht, die den Menschen beherrscht, sich seiner als eines Werkzeugs bedient, um ihren Einfluss geltend zu machen, die Herrschaft des Bösen zu erhalten und zu vollenden.
b) Das Auftreten der Sünde in der Menschheit und ihre Allgemeinheit. Die Sünde„kam (R. 5, 12) durch einen Menschen“, mit dem aber nicht Eva, sondern Adam gemeint ist,„in die Welt“. Die Erzählung Gen. 3 über den Sündenfall gilt dem Apostel als geschichtliche Wahr- heit; folglich hat er keinen Grund, etwas näheres über die Art zu sagen, in der Adam zur Sünde kam. Seit dessen Fall ist nun„die Sünde“, mag man sie als Macht, Zustand oder Einzelsünde fassen, in der Menschheit vorhanden und trat bei allen Gliedern derselben auf. Das beweist Paulus(R. 5, 12) in folgendem Gedankengang: Durch Adam kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod(als deren„Sold“ R. 6, 23), dieser aber hat sich auf alle ver- breitet daraufhin, dass alle gesündigt haben. Die allgemeine Sterblichkeit der Menschen bezeugt also die allgemeine in eigner Verschuldung beruhende Sündhaftigkeit derselben, die mit ihrem gemeinsamen Stammvater anhob. Diese Anschauung wird durch V. 19 nicht aufgehoben, denn, wenn es auch nach der ersten Vershälfte„nämlich wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen als Sünder hingestellt wurden“ den Anschein hat, als ob die Sünde des Stammvaters, der das ganze Menschengeschlecht repräsentirte, allen seinen Nachkommen angerechnet würde, ob sie nun selbst sündigten oder nicht, so ändert sich die Sache beim Hinblick auf die zweite


