ganz zu eigen haben,„neidisch begehrt er den Geist, dem er Wohnung in uns gegeben hat“*) (4, 5), er will durch die ihm ermöglichte Erkenntnis seinen Willen auf das Gute richten. Mehr thut auch Gott nicht.
So steht der Mensch vor der Entscheidung, auf welche Seite er treten soll; er weiss, dass er zu wählen und was er auf der einen oder andren zu erwarten hat. Fröhnt er der Sinnen- lust, so gerät er in Sünde, in Gegensatz zu Gott, denn„die Freundschaft mit der Welt“ d. h. das Wohlgefallen an der niederen Lebensrichtung„ist Feindschaft gegen Gott“(4, 4). Er weiss auch, dass der, der Gottes Gesetz erfüllt,„in seinem Thun selig ist“(1, 25). Zieht er es gegen- über dem„Streiten der Lüste in seinen Gliedern“(4, 1) vor, Gottes Gebot zu übertreten, so betritt er damit einen Weg, der zum Tode(1, 15) d. h. zum Untergang aller Freude am Guten und aller Fühigkeit zum Guten führen kann, da die anfangs eintretende Reaktion der sittlichen Erkenntnis gegen falsche Willensentscheidungen immer schwächer werden und zuletzt ganz aufhören kann. Dass der Sünder„sich selbst betrügt“, sofern er die Erkenntniss des Unrechts, das er begeht, im Sinnentaumel unterdrückt, macht er sich nicht klar; ebensowenig bedenkt er die Gewissheit des göttlichen Gerichts. Er„schwelgt und prasst auf Erden, er mästet sein Herz am Schlachttag“(5, 5).
4 a. Die Thessalonicherbriefe.
a) Wesen der Sünde. Die Sünde erscheint(I 4, 7) als„Unreinigkeit“ d. h. als Ausserung einer unlauteren Gesinnung,(II 3, 6) als„unordentlicher im Gegensatz zu der empfangenen apostolischen Weisung geführter Wandel“ d. h. als Abirrung von dem gottwohlge- fülligen Weg, als Auflehnung gegen die durch Jesus und seine Apostel ver- tretenesittliche Ordnung.
b) Allgemeinheit der Sünde. Uber die sittliche Beschaffenheit der vorchristlichen und ausserchristlichen Menschheit fällt der Apostel ein Urteil, indem er(II 2. 10) alle als„Ver- lorene“ bezeichnet,„die die Liebe der(christlichen) Wahrheit nicht zu ihrer Rettung ange- nommen haben“.— Mit dem sittlichen Verhalten der Christen(wenigstens in Thessalonichi) ist
er zufrieden, denn er sagt(I4, 1):„Weiter nun, Brüder, bitten und mahnen wir euch im Herrn Jesus, dass ihr immerzu fortfahrt zu wandeln, wie ihr von uns gehört habt, dass es sein muss, um Gott zu gefallen, und wie ihr es schon thut“,(I 4, 9)„Von der Bruderliebe braucht man euch nicht erst zu schreiben. Ihr habt in Gottes Schule selbst gelernt euch untereinander zu lieben“, ja er redet(II 1, 3) von der„Fülle der Liebe, die sich bei ihnen in allseitigem Austausch bewährt,(I 2, 13) davon, dass„Gottes Wort sich wirksam in ihnen erweist.“ Trotz dieser anerkennenden Worte hält er es für nötig, sie(1 4 1. 11. 12) zum„Fortfahren in der eingeschlagenen gottwohlgefälligen Richtung ihres Lebens,“(1 5, 21) zum„NMeiden aller bösen Art“,(T 5, 4— 10) zum„Wandel im Licht“ d. h. gemäss der christlichen Wahrheit zu ermahnen,(I 3, 12. 13) zu wünschen, dass„Gott ihre Herzen befestigen“ möge, damit„sie seien tadellos in der Heiligkeit vor Gott“, und(II 1, 11) für sie zu beten, damit sie Gott der Be- rufung wert mache und voll auswirke die Freude an allem Guten und das Werk des Glaubens in Kraft“, Paulus nimmt also an, dass die Christen nie das Ziel sittlicher Vollkommenheit erreichen, dannaber auch sicherlich, dass alle Menschen Sünder sind und bleiben.
c) Entstehung der Sünde bei der Einzelperson. Die Briefe sagen über diesen Punkt direkt, nichts aus, doch bieten sie Stützen für die Anschauung, dass das falsche Verhältnis von Erkenntnis und Wille zu einander die Sünde hervorbringt, dass ebenso, wie das Gute durch die Einwirkung der christlichen Erkenntnis auf den Willen entsteht, das Böse in der Nichtbeeinflussung des Willens durch diese seinen Grund hat. Der Apostel erkennt die Wichtigkeit der Erkenntnis für die Gestaltung des Lebens in folgenden Stellen an:(I 4, 1)„Wir mahnen euch im Herrn Jesu, dass ihr immerzu fortfahrt zu wandeln, wie ihr es von uns gehört habt, dass es sein muss“, (1 4, 2)„Ihr wisset ja, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus“,(II 2, 15) „So stehet nun fest, Brüder, und haltet an der Uberlieferung unserer Lehren, die ihr empfangen habt“(vgl. V. 13. 14).
*) Die Übersetzung dieser Stelle durch D. Weizsäcker kann ich nicht für richtig halten.


