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aussen herstammenden Einflusses stünden, dem sie nicht zu widerstehen vermöchten, wenn sie ernstlich wollten. Er sagt den Einwohnern von Jerusalem(Mt. 23, 37), er hätte sie oft versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, aber sie hätten nicht gewollt. Er kennzeichnet(Lk. 15, 12. 13) den Aufbruch des verlornen Sohnes aus dem Vaterhause als ein freiwilliges Verlassen desselben und erklärt(Mt. 22, 3) von den zur königlichen Hochzeit Geladenen, dass sie auf Grund ihrer eignen Entschliessung nicht kommen wollten.
Jesus gibt nirgends zu, dass die, die aus dem„bösen Schatz ihres Herzens“ Böses hervor- bringen, weniger strafbar seien, als die, die im Besitz eines„guten Herzens“ sind und trotzdem sündigen, sondern droht ihnen allen(Mt. 7, 19) an, dass„jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, abgehauen und ins Feuer geworfen wirde. Wer Böses thut, wil! es nach Jesu Ansicht thun, bezeugt durch sein Sündigen die falsche Richtung seines Willens, sein selbstisches Wesen.— Die Anlässe dazu können aus dem eignen Herzen stammen, denn„aus ihm kommen böse Gedanken hervor“, die darum mit Recht„böse“ genannt werden, weil sie in bösen Worten und Thaten ihre Verwirklichung finden(Mt. 15, 19. Lk. 7, 22), aus der Lüsternheit, die durch Sinneseindrücke angeregt wird(Mt. 5, 27— 29), oder auch von Verführern(Mt. 13, 19. 18, 6).
Doch äussert sich Jesus auch einmal(Mt. 26, 41) milder; er sucht dar- nach in den Verfehlungen des Menschennicht immer Bosheit d. h. eine ernst gemeinte Auflehnung gegen das Sittengesetz, sondern auch manchmal Schwäche. Der Mensch fühlt einen Trieb zum Guten in sich, folgt ihm aber nicht, weil er den Kampf gegen das dem Guten Widerstrebende, das er in sich findet, nicht ernst aufnehmen mag. In diesem Sinn sagt Jesus an der genannten Stelle:„Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, nicht böse,— sonst hätte er dieses Wort nicht zu den drei Auserwählten seiner Jünger gesprochen— folglich auch nicht unüberwindbar für den, der das Gute wirklich will. Das bezeugt die Möglichkeit der Selbstverleugnung d. h. der Nichtbeachtung der unbe- rechtigten Ansprüche, die sich aus dem natürlichen Grunde des menschlichen Wesens erheben, aus Achtung vor dem Gebot der Pflicht. Wer sie übt, beweist ächte sittliche Energie.
Wer den Neigungen zum Bösen aus Bequemlichkeit nachgibt, ist schwach und feige zu nennen. Solche Schwäche und Feigheit tritt in dem Rückfall in den Dienst einer scheinbar überwundenen bösen Neigung(Mt. 12, 43— 46), besonders aber in der„Heuchelei“ zu Tage, die Jesus sehr oft ernstlich rügt, namentlich Mt. 23, und in V. 28 dieses Kapitels„So habt auch ihr(Schriftgelehrte und Pharisäer) von aussen bei den Menschen den Schein von Gerechten, inwendig aber seid ihr voll... Frevel“ in ihrer ganzen Erbärmlichkeit blossstellt.
Der Heuchler sieht das Recht der Forderung sittlicher Rechtbeschaffenheeit ein, scheut aber die Anstrengung, die ihm deren Aneignung kosten würde. Da er die Achtung kennt, die ihr ernstgerichtete Mitmenschen zollen, und sich jene auch für seine Person sichern möchte, bewegt er sich in Lebensformen, die im allgemeinen als Ausdruck sittlicher Rechtbeschaffenheit gelten.— Doch kann der Heuchler, der durch seine unwahre Haltung die Mitmenschen über seinen per- sönlichen Wert täuschen,„von den Leuten gesehen und gepriesen“ werden will,(Mt. 6. 1. 2), nicht nur für einen„sittlichen Schwächling und Feigling“ gehalten werden, sondern er bezeugt auch ein grosses Mass von Bosheit, er sündigt mit voller Uberlegung, im bewussten Gegensatz zum Sittengesetz, er versucht die Täuschung seiner Mitmenschen, um sie zu schädigen(Mt. 12, 40), oder gar zu beherrschen(Mt. 23, 4. 13).
Da die Pharisäer Heuchelei trieben, durch ihr Verhalten fleischliche Schwäche und Bosheit zugleich bezeugten, waren sie auf dem Weg zu der Sünde, die nach Mr. 3, 29 eine„Schuld für die Ewigkeit“ begründet, nicht vergeben werden soll, nämlich zur„Lästerung des heiligen Geistes“, wie sie Jesus(Mr. 3, 28— 30, Mt. 12, 31. 32 Lk 12, 10) bezeichnet,(gewöhnlich„die Sünde wider den h. Geist“ genannt). Sie besteht nach Mt. 12, 22— 30 darin, dass jemand trotz der Erfahrung der Wahrheit und Heilskraft des Evangeliums sich dessen Einwirkung böswillig ver- schliesst(vgl. Mt. 11, 20— 24). Jesus hat niemand, auch nicht die Pharisäer, dieser Sünde geziehen, sondern letzteren nur zeigen wollen, wohin sie als Meister in der Heuchelei durch ihre Haltung ihm gegenüber getrieben würden.(Nur der könnte diese Sünde mit Recht einem Menschen vorwerfen, der einen völligen Einblick in dessen inneres Leben hätte. Den hat aber nach Ps. 139 nur der allwissende Gott). Er sagt jedoch den Heuchlern(Mt. 7, 15 ff.), wo er sie im Hinblick auf ihre Lehrwirksamkeit im Volk als„Lügenpropheten“ brandmarkt, dass er ihnen gar nichts


