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suchen und zu retten das Verlorene“,(Lk. 19, 10) aufheben. Die natürliche Beanlagung kann also Jesus nicht als die einzige Vorbedingung für die normale oder abnorme Lebensführung angesehen haben.
Wie erklärt er es aber, dass die Menschen auf der gegebenen natür- lichen Grundlage ihres Wesens allesamt zum Sündigen kommen, dass sie nicht in zwei streng geschiedene Arten, in absolut gute und absolut böse zerfallen wie die Bäume, bezüglich deren die Regel(Mt. 7, 17) gilt:„So bringt immer der gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt böse Früchte“? Nun darum, weil der Mensch in seinen sittlichen Entschliessungen nicht ausschliesslich von seiner natürlichen Bestimmtheit abhängig ist, sondern auch 1) durch die ihm ermöglichte sittliche Erkenntnis befähigt ist, sie auf ihren Wert oder Unwert für ihn selbst zu prüfen, und 2) auf grund seines Willensvermögens imstande ist, ihr nachzugeben oder zu widerstehen.
Gehen wir zum 1. Punkte über, so nimmt Jesus im Hinblick auf die konkreten Ver- hältnisse, die beim Judenvolk herrschten, an, dass es keinen Menschen gebe, auf dessen Erkenntnis von gut und böse niemals von aussen her eingewirkt, dem nicht die Kenntnis des vor Gott geltenden Sittengesetzes und die Selbsterkenntnis ermöglicht worden wäre. Hatten die Juden ja doch Moses und die Propheten und konnten sie hören(Lk. 16, 29), konnten das Gesetz selbst lesen (Mt. 12, 3. 5) und die Auslegung des Gesetzes und der prophetischen Schriften in den Synagogen vernehmen(Lk. 4, 16)! Durch ihn selbst und seine Jünger wurde den Juden eine neue Anregung zum Guten gegeben, die niemand verborgen bleiben konnte(Mt. 5, 14—16), da sie sozusagen von den Dächern herab verkündet wurde(Mt. 10, 27). Wem sie fremd bleibt, wer des Herrn Willen nicht kennt, trägt selbst die Schuld daran und wird, wenn er thut, was der Schläge würdig ist, solche, wenn auch wenige, empfangen(Lk. 12, 48). Wer dagegen des Herrn Willen kennt, aber trotzdem thut, was der Schläge würdig ist, wird viele empfangen(Lk. 12, 47). Verwandte Gedanken liegen in dem Weheruf Jesu über Chorazin und andere Städte(Mt. 11, 20— 24), die ausreichende Gelegenheit hatten, Jesu Lehre kennen zu lernen, und in den Gleich- nissen vom„grossen Abendmahl“(Lk. 14, 16— 24) und von der„königlichen Hochzeit“(Mt. 22, 1—14), in denen die Gäste wiederholt„eingeladen“ werden. Aus den angezogenen Stellen. geht hervor, dass Jesus ein grosses Gewicht auf die Erkenntnis einer zuverlässigen sittlichen Richtschnur legte, zu der ein Menschnachseinen Lebensverhältnissen gelangen konnte. Wer diese glückliche Lage nicht benutzt hat, hat darauf verzichtet. sich ein Gegengewicht gegen seine böse Naturanlage, eine Stütze und Förderung der guten zu verschaffen.
Bezüglich des 2. Punktes ist zu behaupten, dass Jesus überaus kräftig an den Willen der Menschen appelliert, ihnen damit also zumutet, durch das Aufgebot ihrer sittlichen Kraft ihre natürliche Beanlagung zum Guten in ihrem Leben zu ihrem Recht kommen zu lassen, ihre natürliche Bean- lagung zum Bösen zu unterdrücken. Das Vorhandensein eines Menschen, dem jegliche Fähigkeit zum Guten fehlte, nimmt der Herr seinen uns überlieferten Worten nach nicht an. Er knüpft vielmehr an das in jedem Menschen wohnende Willensvermögen in seinen zahlreichen Ermahnungen an und setzt dies bei vielen Aussprüchen voraus. Man vergenwärtige sich nur:(Mt. 6, 33)„Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“,(Mt. 7, 13. 14)„Gehet ein durch die enge Pforte“(vgl. Mt. 7, 24— 27), dann die Stellen(Mt. 22, 1—14. Lk. 14, 16— 24), in denen er von der„Einladung“ zum Reich Gottes spricht, die jeder nach seinem eignen Ent- schluss annehmen oder ablehnen kann,(Lk. 15, 18), wo er dem verlornen Sohn, der in sich ging, die Worte in den Mund legt:„ich will(das griech. fut. im Sinne des hebr. cohort.) mich auf- machen und zu meinem Vater gehen“ und damit zeigt, dass jener ebenso nach eignem Entschluss sein verfehltes Leben aufgab, als er es früher nach einem solchen begonnen hatte.
Setzen wir nun auch den Fall, dass viele, die sich für das Gute entscheiden,„aus dem guten Schatz ihres Herzens“ heraus so handeln, so kommen sie zu einem solchen Handeln doch nur durch eine Willensthat. Der„gute Schatz ihres Herzens“ kann ihnen ihr richtiges Verhalten wohl erleichtern, aber ohne bestimmte Willensregung wäre ihnen dasselbe unmöglich, sie könnten jenen doch auch verleugnen.— Andrerseits nimmt Jesus nicht etwa zur Entschuldigung der Bösen an, dass sie unter dem Druck eines natürlichen(ihres„bösen Herzens“) oder von


