Aufsatz 
Die Lehre von der Sünde nach den Schriften des Neuen Testaments
Entstehung
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selbstverständlich für jeden seiner Anhänger, als die vorhergehendeunser täglich Brod gib uns heute. Zu beachten ist ferner die Stelle Lk. 13, 15, die mit der Eröffnung abschliesst: Wenn ihr nicht Busse thut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Sollte aber jemand ein- wenden, dass die, zu denen Jesus diese Worte sprach, vielleicht nicht zu seinen Jüngern gehört, haben, so verweise ich ihn auf Mt. 26, 27, wo Jesus beim Darreichen des Kelches den Jüngern selbst sagt:Trinket alle daraus, denn das ist mein Bundesblut, das für viele vergossen wird zur Sündenvergebung. Nur Sünder bedürfen der Sündenvergebung. Er hält also alle Menschen für Sünder, doch nicht für gleichschuldig.

Er bezeugt vielmehr, dass ein Unterschied der Schuld und Strafwürdigkeit der Sünder vorhanden ist, wie er auch einen Unterschied des Wertes derGerechten im Gleichnis vom Sämann(Mr. 4, 20) annimmt, indem er sagt:Und dort, wo auf das gute Land gesät wird, das sind diejenigen, die das Wort hören und annehmen und Frucht pringen 30-, 60- und 100-fach. So erklärt er Mt. 5, 22, dass es eine grössere Sünde sei, den Nächsten einenTaugenichts oderGottlosen zu nennen, als ihm zu zürnen,(woraus jedoch nicht gefolgert werden darf, dass jede Wortsünde schwerer sei, als jede sündige Neigung oder Leidenschaft,) und Lk. 12, 47, 48, dass die mit vollem Bewusstsein ihrer Verwerflichkeit begangene Sünde schärfer zu ahnden sei, als die ohne dieses vollbrachte. Ebenso stellt er Mt. 12, 43 45 Lk. 11, 24 26 fest, dass eine im Rückfall begangene Sünde schlimmer ist, als in ihrer erstmaligen Ausführung, und Mr. 3, 28 30. Mt. 12, 31. 32. Lk. 12, 10, dass die aus böswilliger Verleugnung der erkannten Wahrheit hervorgegangene Sünde nie vergeben werden wird, während er seine verblendeten Feinde selbst der Gnade Gottes empfiehlt(Lk. 23, 34).

c) Die Entstehung der Sünde bei der Einzelperson. Jesus sagt(Mr. 10, 14. 15 vgl. Mt. 18, 3. 4. Lk. 9, 48):Lasset die Kindlein zu mir kommen, wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nimmermehr hineinkommen. Damit deutet er an, dass bei den Kindern keine bewusste Auflehnung gegen Gottes Willen, keine sich gegen gute Einflüsse verschliessende Bosheit anzu- treffen, dass bei ihnen der Gegensatz zwischen der vorherrschenden Neigung zum Guten und derjenigen zum Bösen noch nicht ins Bewusstsein getreten sei. Sobald der Herr von solchen spricht, bei denen dies geschehen ist, also von Erwachsenen, zeigt er, dass er mit diesen im allgemeinen keine erfreulichen Erfahrungen gemacht habe. Nach dem Gleichnis vomSämann gehen drei Viertel des ausgestreuten Samens, wenn auch aus verschiedenen Gründen und unter verschiedenen Umständen, doch schliesslich zu Grunde, hatdas Wort vom Reiche bei einer verhältismässig sehr grossen Zahl von Hörern nicht den rechten Erfolg. In dem Gleichnis von derengen und weiten Pforte, vomschmalen und breiten Weg(Mt. 7, 13. 14) sagt er:Weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die da hineingehen. Immerhin konstatiert er in jenem Gleichnis zugleich das Vorhanden- sein solcher,die das Wort hören und verstehen und dann Frucht bringen, und in diesem, dass manche, wenn auchwenige, den schmalen Weg, der zum Leben führt, finden. Dazu stimmt sein Ausspruch(Mt. 12, 35. Lk. 6, 45), der vonguten undbösen Menschen redet.

Worin hat denn nun dieser Unterschied der einzelnen Persönlich- keiten seinen Grunde In dem zuletzt angeführten Wort sagt Jesus:Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz des Herzens das Gute,(das er wirklich thut,) hervor und der böse bringt aus dem bösen das Böse,(das er wirklich thut,) hervor und erkennt damit eine in der natürlichen Beanlagung begründete Verschiedenheit an. Ein Teil der Menschen ist seinem natürlichen Wesen nach vorwiegend zum Guten, der andere vorwiegend zum Bösen geneigt. Diesesvorwiegend ist zu betonen, da kein Mensch nur Gutes, keiner nur Böses thut, also auch die Prädisposition seines Wesens keine absolut einseitige sein kann. KeinGuter ist von demTrachten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit(Mt. 6, 33) entbunden, da der Besitz eines von Natur vorwiegend auf das Gute gerichteten Sinnes keines- wegs die konsequente, stete Bethätigung desselben während eines ganzen Menschenlebens verbürgt (vgl. das unter b Gesagte). Ebensowenig aber ist der von Natur vorwiegend zum Bösen Geneigte dazu verurteilt, sein ganzes Leben hindurch in dieser Richtung zu verharren. Sonst wäre ja mit der natürlichen sittlichen Beanlagung das ganze Geschick der Menschen entschieden und ein Teil derselben ohne sein Verschulden von dem durch Christus gebrachten Heil ausgeschlossen. Diese Annahme würde das Recht des von Jesu an alle gerichteten Bussrufs, dem viele ja gar nicht flogen könnten, wie auch das seines Ausspruchs, Der Sohn der Menschen ist gekommen, zu