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kundung eines inneren Abfalls von Gott durch Wort und That, nov„iα ddie aus schlechter Sinnes- art hervorgehenden Handlungen. Der durch diese verschiedenen Benennungen hin- durchgehendegemeinsame Grundzug ist der der falschen Selbstbestimmung des Menschen bei den mancherlei sittlichen Entscheidungen, die er zu treffen hat.
Unter den Stellen, die ein Licht auf das Wesen der Sünde werfen, ist das Gleichnis vom„verlorenen Sohn“(Lk. 15, 11— 32) die wichtigste. Dieser liebte seinen Vater nicht von Herzen, verkannte sein pflichtmässiges Verhältnis zu ihm und meinte sein Glück zu finden, wenn er sich des Vaters Einfluss entzöge, sich völlig unabhängig von ihm machte. So lebt auch der Sünder in dem Wahn, er könne ohne Liebe zu Gott, bei der Unabhängigkeit seiner Entschliess- ungen von der in Gottes Wort gegebenen Richtschnur, in der Zurückziehung auf sich selbst sich die von ihm gesuchten Lustgefühle dauernd sichern, zu wahrer persönlicher Freiheit und damit zu pleibender Zufriedenheit gelangen. Die Sünde besteht darnach in der dem Mangel an Liebe zu Gott und einem falschen Freiheitsdrang entspringenden Auf- lehnung gegen Gottes Ordnung, in der Uberordnung der dem Ich beliebenden Art sich zu bethätigen über die erkannte gottgewollte, dem Grunde nach also im schroffen Hervortreten des Egoismus.— In dem Ausspruch(Lk. 12, 47. 48)„der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kannte, und nichts bereitete noch that nach
seinem Willen, wird viele Schläge empfangen. Dagegen der ihn nicht kannte, aber that, was der Schläge würdig, wird wenig empfangen“ ist die Sünde aufgefasst als die Verletzung bezw. Nichtachtung der dem einzelnen bekannten oder auch nicht be- kannten im Gottesreich geltenden sittlichen Ordnung, die so heilig ist, das jeder bewusste oder unbewusste Verstoss gegen sie eine Sühne fordert.— Im Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ und vom„reichen Mann und armen Lazarus“ zeigt Jesus, dass au ch die Unterlassung des Guten, besonders die Lieblosigkeit, als Ausserung des Egoismus Sünde ist.
Nach Mt. 7, 17„der faule Baum aber bringt böse Früchte“ tritt in der Sünde die falsche innere Lebensrichtung des Menschen mit natürlicher Notwendigkeit in die Erscheinung heraus; sie ist also das Symptom einer Erkrankung des innersten Kernes der menschlichen Persönlichkeit.— Dem Ausspruch(Lk. 19, 10)„der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu retten das Verlorene“, liegt die Anschauung zu Grunde, dass die Sünde ein Abirren vom rechten Weg, eine Gefährdung der Persönlich- keit sei.(Vgl. überhaupt die Stellen, in denen ocicet“„retten“ und rnoia„Rettung“ vor- kommen.)
b) Allgemeinheit der Sünde. Jesus nimmt es als selbstverständlich an, dass alle, zu denen sein Bussruf dringt, diesen als mit Recht an sie ergehend ansehen, sich als Sünder (uaoradei) fühlen. Er erwartet und erfährt keinerlei Widerspruch gegen die darin liegende Behauptung der allgemeinen menschlichen Sündhaftigkeit. So sagt er dem Gichtbrüchigen, ohne irgend welche Erkundigung über dessen Vorleben einzuziehen,:„Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“(Mr. 2, 5. Mt. 9, 2. Lk. 5, 20) und erklärt in seinem Ausspruch:„Niemand ist gut ausser dem einen Gott“(Mr. 10, 18. Mt. 19, 17. Lk. 18, 19) deutlich, dass er keinen Sterblichen für sündlos halte. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er(Mt. 12, 35. Lk. 6, 45) das Vorhandensein„guter Menschen“ und(Mr. 2, 17. Mt. 9, 12. 13. Lk. 5, 31. 32) einen Unterschied zwischen„Starken“(„Gesunden“ bei Lk.) und„Kranken“,„Gerechten“ und„Sündern“,(Mt. 22, 10)„Schlechten und Guten“ feststellt. Dieser ist, wie Lk. 7, 41 zeigt, wo er den Pharisäer Simon als den von geringerer Schuld Gedrückten neben der grossen Sünderin erscheinen lässt, mit einem ironischen Seitenblick auf die pharisäische Selbstgerechtig- keit, die er besonders Lk. 18, 9— 14 blossstellt, gemacht, jedenfalls aber, abgesehen von dieser Tendenz, ein nur relativer. Es giebt nur ein mehr oder weniger von Sünde im Leben des Menschen, aber keine Sündlosigkeit.
. Frei von Sünde war nach Jesu Anschauung niemand, dessen religiös-sittliches Leben
im alttestamentlichen Boden wurzelte, denn er sagt(Mt. 7, 11) den Juden:„wenn ihr, die ihr
böse seid, versteht....“ Frei von Sünde wird aber auch keiner sein, der sich Jesu anschliesst,
denn er sagt denselben Jüngern, zu denen er(Mr. 3, 35) spricht:„Wer da thut den Willen
Gottes, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter,“ auch wieder(Mt. 6, 9. 12):„So sollt ihr
denn also beten:..... und vergieb uns unsere Schulden“. Diese Bitte ist ihm demnach ebenso 1*


