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Staats, dem Vorstand deren Unterthanen beflißner Männer anzuordnen, weil auch 3) sich jederzeit geziemet, insonderheit aber bei gegenwärtig bedenklichen conjunk- turen um so viel unumgänglicher seyn will, daß ganzen Ortschaften überhaupt und deren Gliedern insonderheit in ihren Beschwerden, wann sie gegründet sind, schleunige Abhülfe gedeiht, oder sofern sie unerheblich sein mögen, ebenso unaufschieblicher Bescheid erteilet, kostspieliger Umtrieb vermieden, taxordnungswidrige Sporteln unterlassen und in allen Angelegenheiten mit Ausrichtung der obrigkeitlicher An- ständigkeit die Liebe und Mäßigung verbunden, fort alle damit nicht verEinbarliche Härte und willkührliche Behandlungen bei Seite gesetzet und niedergelegt werden, hat das Oberamt Oppenheim sich schuldigst danach zu achten.“ Damit schien wieder einmal etwas geleistet. Die Regierung konnte das Gefühl der eignen Un- sicherheit hinter der Unzufriedenheit mit ihren Untergebenen ziemlich verstecken. Die ausführliche Verteidigung des Landschreibers vom 7. Januar 1793 weist vor allem, z. T. auf Kosten des Stadtrats, den Vorwuri der Untätigkeit, Feigheit und Schläfrigkeit energisch zurück. Am interessantesten aber in dem kurfürstl. Reskript ist unter den drei Punkten wohl der letzte: Man sieht wie das Kriegsunglück nach dieser Seite hin auch seine erzieherischen Wirkungen ausübte und der hohen Regierung plötzlich die Augen wenigstens teilweise öfinete für Schäden in ihrer Beamtenwirtschaft, die sie nun freilich kurz vor dem völligen Zusammenbruch dieses Systems mit ein paar billigen, schönen Worten nicht mehr rasch genug verbessern konnte. Helfen können hätte da nur eine rechtzeitige prinzipielle Reform, zu der es aber der Bureaukratenpedanterie aller Zeiten an Entschlossenheit und Weite des Blicks zu fehlen pflegt. Man hätte das Übel an der Wurzel packen und mit der Käuflichkeit der Amter ein Ende machen müssen. Denn deren hoher Preis trug allein die Schuld an der rücksichtslosen Sportelnjagd. Eine Regierung, die auf derart ungesunde Einnahmequellen nicht verzichten zu können meint, verdient keine besseren Beamten und kein besseres Schicksal, als die kurpfälzische. Jetzt konnten strenge Vermahnungen und kleine Fürsorglichkeiten hier so wenig mehr helfen, wie die Reformen, zu denen man aus Angst vor den Franzosen in der Nachbarschaft von Landau sich herbeigelassen hatte ¹). Es war eben zu spät.
Von den eigentlichen kriegerischen Aktionen erlebte man hier in Oppenheim zunächst nur den Widerschein, im figürlichen wie wirklichen Sinne des Wortes. Das Kriegsunwetter hatte sich für einige Zeit in die Täler des Taunus und ins Ober- hessische hinein verzogen. Doch nicht für lange. Als der Herzog von Braunschweig aus Frankreich zurückkehrte und General von Kalkreuth gegen Frankfurt heranrückte, verlor Custine, im Hinblick auf seine, allerdings bescheidene Streitmacht, völlig den Kopfi²). Er gab Frankfurt durch wechselnde Befehle preis, zog, bis auf 1800 Mann, die Besatzung an sich(bei Höchst) und fühlte sich sogar im Rücken bedroht. S0 erscholl denn in Oppenheim am 29. November das Gerücht,„daß preußische und hessische Truppen im Anmarsche gegen den Rhein zu anhero seyen, und daß dieses nicht ohne Grund, lasse sich daraus schließen, weilen die hiesige fliehende Brucke diesen Abend gegen 7 Uhr angeschlossen und mit Truppen besetzet, auch die Kanonen so zeithero dahier auf dem Marktplatze gestanden dorthin wiederum aufgeführet worden sind.“ Diese Besorgnis freilich war noch verfrüht. Bald darauf aber sah sich Custine durch den Verlust Frankfurts in der Tat genötigt, das ganze rechte Rheinufer dem Feinde preis zu geben. Am 3. Dezember hörten die Oppen- heimer von durchmarschierenden Truppen, daß„Frankfurt von denen hessische, und preußischen Truppen eingenohmen und die dortige französische Besezung unter Beyhülfe deren alldasigen Mezger und Handwerkspurschen gänzlich ermordet worden, welche in 1500 Mann bestanden haben solle.“ Ganz so schlimm ist das Blutbad in Wirklichkeit nicht gewesen. Allerdings haben Metzgerknechte und Zimmerleute
¹) Remling, a. a. O. S. 188. ²) Sybel, a. a O. III S. 50. Vgl. auch die Charakteristik bei Chuquet a. a. O. S. 39 und 40:„Il était brave“ aber„il manquait de sang-froid.“


