Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Stadt Oppenheim : 1. Teil
Entstehung
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Kurpfalz Palatin, um der Entschuldigung zuvorzukommen, deren die Franzosen bei begehenden Exzessen sich etwa hätten bedienen können, aufgerichtet hatte. Eine Beschwerde in Mainz aber war völlig wirkungslos, die Antwort vielmehrin einem solchen Ton abgefaßt, den sich wohl der General Custine gegen die Stadt Speyer und Worms hat erlauben können, daß aber ein Kurmainzisches Gouvernement sich solcher Schreibarth und kriegerischen Betrohungen gegen Kurpfalz bedienen will, ist sehr befrembdend. Dem gegenüber steht die verächtliche Außerung des preußischen Gesandten, der Pfälzer Hof sei ganz mit dem Feinde einig; die pfälzischen Beamten wollten den Mainzer Patrouillen Schwierigkeiten in den Weg legen. Und es sollten sogar französische Spione pfälzische Pässe erhalten haben ¹).

Seit dem 18. Oktober aber war dasneutrale Oppenheim französische Garnison. Neun Kompagnien, 600 Mann stark, mit 25 Pferden, rückten in die Stadt ein, um bis zum Ende dieses Feldzuges(März 1793) daselbst zu bleiben, nur allzuhäufig für die geplagte Einwohnerschaft noch durch andere durchmarschierende Truppen vermehrt. An den Toren der Stadt, bei der Katharinenkirche, bei den auf dem Marktplatz auf- gefahrenen Kanonen und an der fliegenden Brücke zogen die französischen Wachen auf, die von der Gemeinde aus mit Talglichtern, Ol und Holz versehen werden mußten. Am 18. Oktober gegen mittag war Custine selbst mit einem Regiment berittener jäger hier angekommen, hatte um die Erlaubnis zum Durchmarsch nach- gesucht und war dann bis Nierstein weitergegangen, wo er sich eine Stunde am Rheinübergang aufhielt. Um 4 Uhr kam die ganze französische Armee durch die Stadt mit 140 Stück Kanonen ²).

Zur Deckung seiner Flügel sandte Custine von Oppenheim aus 2000 Mann nach Bingen und Kreuznach, 1500 Mann nach Frankfurt und ließ die Orte besetzen. Er fürchtete von Frankfurt her von den Preußen, von Bingen und Kreuznach her (dies irrtümlicher Weise) von den Osterreichern angegriffen zu werden³). Er selbst rückte mit der Hauptmacht, noch etwa 16 000 Mann, vor Mainz, das sich nach kurzer Unterhandlung am 21. Oktober ohne Gegenwehr ergab. Und für ein halb Jahr fast saßen die Franzosen hier, die Festung zum Stützpunkt ihrer weiteren Unternehmungen (bis ins Oberhessische hinein) ausbauend, für ihre republikanischen Ideen wirkend und das umliegende Land für die Erhaltung der Armee ausnutzend.

Der Bevölkerung mögen hier, wie an anderen Orten, die Franzosen zunächst nicht so schlimm erschienen sein. War es doch auch den meisten ihrer Soldaten noch heiliger Ernst mit den schönen Worten der Revolution, mit denen Custine selbst freigebig genug war. Offiziere wie Gemeine bezahlten, was sie etwa von ihren Quartierwirten Besonderes zu verlangen hatten und erwarben sich stellenweise sogar Achtung und Liebe. Durch Gespräch, wie durch Austeilung von Schriften, suchten sie für die, an sich ja wirklich großen und von der Folgezeit zum Teil auch schließ- lich durchgeführten Ideen ihrer Zeit zu werben. Argerlich berichtet der Landschreiber am 23. Oktober, man spüre schon unter den gemeinen Leuten, daß dieselben vom Freiheitsschwindel angesteckt seien¹). Custine selbst war nicht unfreundlich. Er meinte es, bei aller Großsprecherei, doch auch ernst mit seinen guten Versprechungen an das Volk?) und sah in der Propaganda, natürlich auch im eignen Interesse, eine seiner Hauptaufgaben. So hatte er aus Worms, kurz vor seinem Aufbruch nach Mainz, am 15. Oktober an General Biron in Straßburg geschrieben:Mein Vorrücken setzt mich in die Leichtigkeit unsere Dekrete und Schriften, welche die Revolution

¹) Klein, a. a. O. S. 54. Sybel, Geschichte der Revolutionszeit II, S. 340.

²) David, S. 82.

³) Klein, a. a. O. S. 82.

) Wie weit z. B. im benachbarten Nackenheim die Schwärmerei ging, ist bei Klein, a a. O. S. 260 zu ersehen.

) Klein, a. a. O. S. 132 u. 133. Chuquet, a. a. O. S. 33 ff. Hatte ihm sein großer Schnurr- härt n SitenamenMoustache verschafft, so seine Lust zu großen Worten den NamenFanfaron.

a. O. 8. u. 41.