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zwischen die kriegführenden Parteien eingekeilt war, einen schweren Druck ausüben mußte, war gewiß. Das Entsetzen ist also zu begreifen, das aus den Berichten des. Oberamts beim Heranrücken Custines spricht. Am 1. Oktober wird der Regierung „p. estaffete“ mitgeteilt:„Seit gestern abend flüchteten sich sehr viele hier durch aus Worms über den Rhein und Verbreiten das Gerüchte, daß die zu Speyer ge- legenen Kaiserlichen und Mainzer total geschlagen und zu gefangenen gemacht worden und daß nunmehr die Franzosen entschlossen seyen, auch hiesige Gegend zu über- fallen und Jedermann ist dadurch in Angst und Schrecken Versezet und im Begriff, sich auch zu flüchten. E. K. Dchlt. hohe Landesregierung habe dieses unterth. an- zeigen und zu Beruhigung der Unterthanen um Nachricht bitten wollen, ob wir in hiesiger Gegend einen Uberfall zu befahren und dabey üble Mißhandlung zu be- fürchten und wie wir uns auf den Fall der Annäherung zu betragen haben.“ Der Oberleutnant Ludwig aber, der das Oppenheimer Dragonerkommando befehligte, wurde„ersuchet, von Zeit zu Zeit einen Berittenen gegen Worms abzuschicken und Erkundigung einzuziehen, ob die Franzosen wirklich im Anmarsch anher seyen.“ Auf die nächste wichtige Nachricht brauchte man nicht lange zu warten. Am 4. Oktober morgens rückten die Franzosen bereits in Worms ein. Die Leichtigkeit ihrer Eroberungen vermehrten ihren Appetit, und so faßte Custine den Plan, auch die Festung Mainz zu nehmen. Ursprünglich hatte er daran durchaus nicht gedacht, war im Gegenteil in steter Sorge vor dem Heranrücken der Osterreicher gewesen. Da sich diese Furcht nicht erfüllte, konnte er auf einen Erfolg um so leichter hoffen, als in Mainz selbst eine lebhafte Bewegung für den Anschluß an die französische Revolution im gange und die Festung nicht im besten Zustande war ¹). Auf dem Wege dahin lag nun das neutrale Gebiet des Oberamts mit den Orten Dienheim, Oppenheim und Nierstein2). Oppenheim selbst war ein strategisch wichtiger Posten, da man von hier aus einerseits leicht nach Bingen und Kreuznach abbiegen konnte, andererseits aber vor allem den Rheinübergang auf der fliegenden Brücke, und da- mit die Straße nach Frankfurt, beherrschte. Aus diesem Grunde war denn auch am 3. Oktober schon eine Anfrage des Frankfurter Stadtrats an den hiesigen eingelaufen:„Da wir... täglich mit den unzuverlässigsten und sich wider- sprechenden Nachrichten unterhalten werden und es doch wegen unserer Bürger Beruhigung, ob man sich gleich nichts feindliches zu den französischen Truppen zu versehen zu haben glaubet, uns sehr viel daran gelegen ist, von allem genau unter- richtet zu seyn, so haben Wir für's räthlichste erachtet, einige vertraute Personen auf den verschiedenen Wegen auszuschicken mit dem Auftrag uns täglich Nachricht einzusenden. Wir schicken dahero den Lieutenant Hölken in dero Stadt, und ersuchen Euer Gnaden und Unsere geehrte Herrn Ihm mit allem möglichen Vorschub an Handen zu gehen, um von allem zuverlässige Nachrichten einzuziehen und solche uns überschreiben zu können.“ Die Antwort vom 15. Oktober lautet in der Tat be- ruhigend, der Krieg gehe nicht gegen das Reich, sondern nur gegen Länder, die Emigranten aufgenommen hätten ³). Aber die Besorgnisse der Frankfurter sollten sich trotzdem bald genug erfüllen. Bei der besagten Wichtigkeit Oppenheims war die Neutralität im ursprünglichen Sinne der kurpfälzischen Regierung unmöglich zu behaupten, die Mainzer sahen sie von vornherein mit Mißtrauen an. Nach einem Bericht des Landschreibers haben sich deren Patrouillen sogar„erläubt, auf offener Straße in diesseitigem Gebiet Läuthe, welche sie für Spionen gehalten hatten, mit entblöstem Seitengewehr durch diesseitiges Gebiet nach Nackenheim zu schleppen und stöcke Hiwegzurauben.“ jJa, sie erfrechten sich sogar, jene Plakate zu entfernen, „welche man beim Ein- und Ausgang kurpfälzischen Gebiets mit der Inschrift
¹) Klein, Geschichte von Mainz während der ersten französischeu Okkupation 1792/03, S. 77 f.
²) Die vom Wege etwas abseits liegenden Orte Dexheim und Schwabsburg kamen weniger in Betracht. Andere Nachbargemeinden standen nur noch indirekt unter der kurpfälzischen Regierung.
3) David, a. a. O. S. 82.


