Landschreiber am 19., ein Emigrantenhusarenregiment habe vom Kurfürsten von Mainz die Erlaubnis erhalten, in Gernsheim Quartier zu nehmen, sein Oberst, Frei- herr von Gottesheim, habe deshalb„um die überfahrt an dahiesig fliehender Brücke angestanden, und da uns zugleich durch Attestaten bewiesen wurde, daß gedches. Regiment zu Kreuznach und Alzei aufgenohmen worden, und einquartiert gewesen seye, so haben wir um so weniger bedenken genohmen, demselben den Durch Marche und überfahrt zuzugeben, jedoch will man ein solches E. C. D.: hohen Rgg. unterthgst. anzeigen.“ Die umgehende Antwort der kurfürstlichen Regierung bezeugt die ganze Angst, mit der sie über die strikte Innehaltung der Neutralität seitens ihren Beamten wacht.„Indeme Sr. Christl. Dchltht. Vermög höchsten Res- cript Vom 20. curr. so wenig den Aufenthalt oder irgend einen durchzug denen in würklichen Diensten stehenden französischen regulirten Truppen und National Garden zu gestatten gemeinet, als eben sowenig gestimmt sind, solchen denen Von dort ausgerissenen Mannschaften oder sich in einen Trupp Versamelten Emigranten in dero Landen zu bewilligen, sondern wollen, daß eine wie die Andern auf An- kunft oder gar eindringen ab- und zur Sühn gewisen werden sollen, als wird dem Oberamt Oppenheim solche Chirstl. gdgst. willens Meinung zur künftigen Nach- achtung andurch bekannt gemacht.“ Aber wie wenig konnten diese papiernen Dämme helfen gegenüber den eisernen Notwendigkeiten des Krieges. Im Hinblick auf die spätere UÜberflutung der Pfalz mit Truppen aller Parteien kann die Naivität, mit der sich die Regierung über ihre völlige Ohnmacht täuschte, nur mitleidiges Lächeln er- wecken. Als kurze Zeit nach jener Verordnung das Oberamt wegen eines etwaigen gewaltsamen Einmarsches weiterer französischer Truppen in Mannheim um Ver- haltungsmaßregeln bittet, wird es angewiesen zu protestieren,„jedoch bey der protestation die Thoren nicht schließen“ zu lassen ¹). Der Erfolg war, daß am 30. Juli ²) das genannte, aus Gernsheim zurückkehrende Emigrantenregiment in Oppenheim so- gar über Nacht in Quartier lag! Schlimm freilich war diese erste kleine Berührung mit dem Kriege nicht. Der Stadtrat(Bürgermeister Weyer) berichtet an das Ober- amt:„Die Officiers und gemeine haben Kost und Stallgeld bezahlet, auch die strengste Manneszucht beobachtet.“
Auf alle diese Vorspiele sollte nun aber endlich das Ereignis folgen, welches die kurpfälzische Regierung am meisten gefürchtet hatte, und welches der Anlaß zu ihrem ganzen ängstlichen Verhalten gewesen war: Der Einmarsch der republikanischen Franzosen. Unter General Custine rückten sie von ihren Festungen Landau und Weißenburg aus nach Norden. Am 1. Oktober hatten sie bereits das bischöfliche Speier genommen, das noch kurz zuvor in den Händen der Ostreicher gewesen war. Unter Begleitung kaiserlicher und Mainzer Truppen war am 3. und 4. Oktober deren Bagage, Lazarett und Kriegskasse auf dem Umwege über die Bergstraße nach Mainz geflüchtet. Wie gemischt die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Franzosen war, läßt sich vorstellen, wenn man daran denkt, daß zwar einerseits eine nicht unbedeutende Partei freierer Geister oder gedrückter Existenzen von ihnen Erlösung aus mancherlei lästigen Fesseln erhoffte, daß dagegen andererseits unter dem Eindruck der Septembermorde in Paris und durch den Einfluß der katholischen Geistlichkeits), die große Masse der Bevölkerung doch auch mit viel Mißtrauen den fremden Ein- dringlingen entgegensah. Ferner mochten Erinnerungen an die vor einem Jahrhundert von den Franzosen in der Pfalz verübten Greuel an vielen Orten noch lebendig ge- nug sein, allen möglichen Schreckbildern ängstlicher Gemüter Nahrung zu geben. Daß der Krieg jedenfalls auch auf die Bevölkerung des neutralen Landes, das so
¹) Ebenso und mit dem nämlichen Erfolge verfuhr man gegen die andre Partei:„chaque fois, qu'un régiment autrichien se présentait, un commissaire palatin allait à sa rencontre et protestait.“ Chuquet, L'expédition de Custine S. 17.
²) Nicht Juni, wie bei David a. a. O.§. 82 datiert ist.
3) Vom Standpunkte des katholischen Geistlichen aus ist das ganze Werk von Remling, „Die Rheinpfalz in der Revolutionszeit,“ geschrieben.


