Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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18 Begegnet ihm die ſelige Schar Mit herzlichem Willkommen.

Gretchen wird zur Donna Ines. Allein das notwendige Mittelglied, durch das allein die Rettung

der Seele Don Juans motiviert erſchiene, fehlt, jenes ſchöne Wort: Wer immer ſtrebend ſich bemüht, Den können wir erlöſen.

Denn jener erſte Anſatz Don Juans zur Reue verbindet ſich für ihn mit einem Liebeshandel, ſo daß man auch bei dieſer edelſten ſeiner Regungen wiederum nicht umſonſt fragt:Ou est la femme? Auch jene Bekehrung in elfter Stunde iſt nur ein mit Zähneklappern vorgebrachtes Geſtändnis des moraliſchen Bankerotts, das ſich in dem Munde jenes feigen Prahlers doppelt erbärmlich ausnimmt. Der poetiſchen Gerechtigkeit iſt, wie erwähnt, damit nicht gedient.

Die Verbindung des Don Juan⸗Motivs mit der Fauſtſage hatte ſchon Grabbe verſucht. Ob, wie man angenommen hat, Zorrilla dies Beiſpiel vor Augen hatte, muß dahingeſtellt bleiben. Was dafür ſprechen könnte, iſt der Umſtand, daß der Schluß der Grabbe'ſchen Dichtung unverkennbar Berührungs⸗ punkte mit Zorrillas Drama bietet. So ſagt bei Grabbe die Statue zu Don Juan:

Haſt Du Muth, gib mir die Hand

Darauf, daß Du betheur'ſt, Dich nicht zu beſſern! Und Don Juan, in dem großen Stil, der ihm eigen, und der natürlich einem Grabbe vortrefflich gelingen mußte, antwortet:

Die Hand! die Hand! doch bin ich nicht in Rom?

Hier reckte

Der Scävola die Rechte in das Feuer

Ich thue mehr: ich ſtrecke kühn auffordernd

Sie in das Reich der Unterwelt und ſpreche:

Das Leben iſt ein Nichts, wenn es nicht Allem,

Was ihm begegnet, Stirne bietet! Da!

Und dann wieder die Statue: ich kann Dich retten, Wenn Du bereuen willſt. Don Juan:Was

Ich bin, das bleib' ich. Bin ich Don Juan, So bin ich Nichts, werd' ich ein Anderer!

Setzten wir alſo voraus, daß Zorrilla ſich an Goethe und ferner, daß er ſich an Grabbe ange⸗ lehnt habe, ſo wäre das Verhältnis etwa folgendes: Das Anerbieten der Statue, Don Juan zu retten, wäre Grabbe entlehnt, der plötzliche Wechſel in dem Verhalten derſelben Zorrillas Eigentum und die endgültige Rettung durch Donna Ines' Schatten Reminiscenz aus Goethe. Übrigens iſt hier noch nachdrücklich an Szene 9 des IV. Aktes von Molières Don Juan zu erinnern, wo Elvire ihren treu⸗ loſen Geliebten in rührenden Worten bittet, doch an ſein ewiges Heil zu denken:Der Himmel hat aus meinem Herzen das Feuer irdiſcher Liebe getiigt. Er ließ in ihm nur eine heilige Liebe, die nicht an ſich, ſondern nur an dein Wohl denkt. Dieſe neue Liebe führt mich zu deiner Rettung hierher, um zu verſuchen, dich von dem Abgrunde wegzureißen, dem Du zueilſt. Die drei charakter⸗ iſtiſchſten Momente in ihrem Verhalten: Die Vergeiſtigung ihrer Liebe, die Selbſtverleugnung, mit der die Verſchmähte den Treuloſen zu retten ſucht, das Drängen auf ſofortige Umkehr haben jedenfalls Donna Ines und Elvire gemein. Ein Einfluß Molisres auf Zorrillas Dichtung wäre alſo um ſo weniger von der Hand zu weiſen, als ein ſpaniſcher Dichter der ſich mit der Don Juan⸗ſage beſchäftigt, den großen Franzoſen wohl kaum umgehen konnte, zumal wenn er bis zur Kenntnis der deutſchen Dichter Goethe und Grabbe vordrang. Die Berührungspunkte der Geſtalten Fauſts und Don Juans ſind übrigens nicht ſo weſentlich als die litterariſche fable convenue es will. Don Juan iſt nicht als der Fauſt der romaniſchen Völker aufzufaſſen. Von dem gemeinſamen Punkte der Maßloſigkeit in ihrem Streben aus gehen beide diametral auseinander, ſo diametral wie nur ideale und materielle Intereſſen auseinandergehen. Die Fauſtſage iſt ein gigantiſches Problem; es iſt, nach der überlieferung der Bibel, mit dem erſten Menſchen in die Welt gekommen und wird erſt mit dem letzten gehen, denn es