19 behandelt das Problematiſche der menſchlichen Natur ſchlechthin. Seine Löſuug trotzt dem Aufgebot aller menſchlichen Weisheit und— fügt Fauſt hinzu— leider auch Theologie, wogegen die Löſung des Don Juan⸗problems überhaupt keine That des Gedankens, ſondern des ſittlichen Willens iſt. Nicht Tirſo, ſondern Calderon in ſeinem„wunderthätigen Magier“ hat jenes Fauſtproblem in ſpaniſchem Geiſte behandelt und zwar, wie Goethe ſagt„mit unglaublicher Großheit“ ¹). Soll denn durchaus ein Gegen⸗ ſatz zwiſchen ſpaniſchem und deutſchem Geiſte geſchaffen werden, ſo ſtelle man der deutſchen Philoſophie den Glauben, nicht aber den Materialismus des Spaniers gegenüber.
— Wir kommen zu einem zweiten anfechtbaren Punkte in der Behandlung der Kataſtrophe. Iſt das Auftreten eines Geiſtes nach den Geſetzen der dramatiſchen Kunſt zuläſſig oder nicht? Die Be⸗ antwortung dieſer Frage wird zunächſt von dem Charakter des betreffenden Dramas abhängen. Es läßt ſich nicht abſehen, warum in einer„romantiſchen“ Tragödie die Erſcheinung eines Geſpenſtes mit dem Geiſte des Stückes in Widerſpruch ſtehen ſoll. Wer würde an dem Geiſte in Shakeſpeares Hamlet Anſtoß nehmen? Voltaire allerdings hat es gethan, aber freilich— wie Börne mit Recht ſagt—„nur weil er an dieſem Mammuthsknochen einer ihm unbekannten Rieſengeiſterart die zierliche Taille eines franzöſiſchen Marquis abgemeſſen und das Übermaß des erſteren lächerlich und unnatürlich gefunden hat.“ Von dem Standpunkte der klaſſiſchen franzöſiſchen Tragödie aus iſt dieſer Standpunkt durchaus begreiflich. Das klaſſiſche Drama der Franzoſen mit ſeiner feſten Schablone, deſſen Schauplatz ſchließlich nur die enge, ſich in feſten Formen bewegende Welt der vornehmen Kreiſe war, duldete ſolch wuchtigen Eingriff aus einer höheren Sphäre nicht. Das hat auch Molière richtig erkannt. Er fand jene Geiſterßzene nicht nur ſpeziell mit dem Geiſte des Luſtſpiels, ſondern im Allgemeinen mit dem ſo zu ſagen rationaliſtiſchen Zuge des franzöſiſchen Dramas unvereinbar. So läßt er ſeinen Geiſt nur die nötigſten Worte ſprechen, um dann Don Juan ſchleunigſt unter Donner und Blitz verſchwinden zu laſſen. Ja, wie um den Eindruck dieſer unglaublichen Geſchichte abzuſchwächen, muß Don Juans Diener— nach Cicogninis Vorgang— zum Schluß noch einen ſchlechten Witz machen. Dieſer Sicherheit des Stilgefühls ſeitens Molières muß man volle Anerkennung zollen, darf darüber aber nicht verkennen, daß, was für das franzöſiſche Drama unzuläſſig war, ſich mit dem Geiſte des ſpaniſchen ſehr wohl vertragen mochte. Denn dieſes bewegte ſich gerade in der Welt der ſchrankenloſen Phantaſie. Für den ſpaniſchen Dichter blieb alſo nur die Forderung beſtehen, die Geiſterſzene ſo zu behandeln, daß der von ihr beabſichtigte Eindruck auch wirklich hervorgebracht würde. Man braucht in dieſer Hinſicht nur den Geiſt in Villier's Don Juan mit ſeiner wortreichen, wäſſerigen Moral oder, wie wir ſpäter ſehen werden, den Hokuspokus bei Zorrilla gegen den des Tirſo'ſchen Stückes mit ſeinem einſchneidenden Ernſte zu halten, um den Abſtand zwiſchen einer taktvollen und einer verkehrten Behandlung dieſes heikeln Gegenſtandes zu ermeſſen. Die Bedingungen für die Zuläſſigkeit einer Geiſterſzene hat Leſſing in ſeiner Hamburger Dramaturgie ange⸗ geben. ²) Er ſagt zunächſt, daß der Same, an Geſpenſter zu glauben, in uns allen liegt und daß es für den Dichter nur darauf ankommt, dieſen Samen zum Keimen zu bringen, nur auf gewiſſe Hand⸗ griffe, den Gründen für die Wirklichkeit der Geſpenſter in der Geſchwindigkeit den Schwung zu geben. So muß er in der feierlichen Stunde in der vollen Begleitung aller der düſteren, geheimnißvollen Neben⸗ begriffe, mit welchen wir, von der Amme an, Geſpenſter zu erwarten und zu denken gewohnt ſind, er⸗ ſcheinen.— Er ſcheue große Geſellſchaft.— Alle müſſen bei ſeinem Anblick Furcht und Entſetzen äußern. Der Eindruck muß ſich aber möglichſt auf die von dem Geſpenſte heimgeſuchte Hauptperſon concentrieren. — Der Geiſt muß mehr durch den Eindruck wirken, den er auf dieſe Perſon macht, als durch ſich ſelbſt. — Er darf nicht eine poetiſche Maſchine ſein, die nur des Knotens wegen da iſt; ſondern er ſei eine⸗ wirklich handelnde Perſon.— Endlich darf die Moral, die er vertritt— alſo in erſter Linie die Lehre von der höchſten Gerechtigkeit— ſich nicht ſo aufdrängen, daß das ganze Drama bloß als um ihret⸗ willen gedichtet erſcheint. Dies die wichtigſten der Forderungen Leſſings. Man vergleiche nun Tirſos Behandlung jener Szene. Daß der Dichter nicht den ganzen Gruſelapparat aufgeboten habe, der auf die Einbildungskraft zu wirken geeignet iſt, wird man nicht behaupten können. Eine Einladung in eine Grabkapelle zu einem Abendeſſen, deſſen Hauptgerichte Scorpionen und Schlangen ſind,— mehr dürfte ſelbſt ein modernes Senſationsdrama zu bieten außer ſtande ſein. Auch der zweiten Forderung genügt Tirſo, wenn er den Geiſt bei ſeinem erſten Beſuche durch ein Zeichen die Entfernung der Diener und
1¹) ſ. die meiſterhafte Ausgabe von Krenkel„Klaſſiſche Bühnendichtungen der Spanier, II.“ Einleitung. ²) Stück 11 u. 12.


