Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
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Iin Beikrag zur nan⸗Kitferatur.

Ar. Von Großh. Gymnaſiallehrer O. Schadel.

I.

Von Spanien aus hat die Don Juan⸗Sage ihre Wanderung durch die Weltlitteratur angetreten. Was ſie auch auf ihrem Zuge durch Italien, Frankreich, Deutſchland und England von ihrem urſprüng⸗ lichen Gepräge eingebüßt haben mag, zwei Eigenſchaften haften dem Charakter des Don Juan an, die er nicht aufgeben durfte, ohne ſich ſelbſt aufzugeben: ein Übermaß von Leichtſinn und Selbſtbewußt⸗ ſein. Nun wäre es vergebliche Mühe, ſich nach einer hiſtoriſchen Perſönlichkeit umzuſehen, auf die jener Typus mit Sicherheit zurückzuführen wäre, denn Leichtſinn und Stolz waren von jeher das Erbteil der Jugend. Wohl aber lag dem Dichter des erſten klaſſiſchen Don Juan⸗Dramas, Tirso de Molina, eine volkstümliche Überlieferung vor, die ſich in ziemlich ſtehender Form in Sevilla, ihrer Heimat, fort⸗ gepflanzt hat und die von Ochoa ¹) in folgender Form mitgetheilt wird:Don Juan Tenorio, ein leichtſinniger, junger Menſch aus höchſt achtbarer Familie, raubte einſt die Tochter des Don Ulloa und tötete dabei deren Vater. Dem Opfer des Mordes wurde hierauf ein Grabdenkmal in einer ſeiner Familie gehörigen Kapelle des Franziskanerkloſters errichtet. Allein die Mönche, um dem wüſten Treiben des jungen Herrn, den ſeine geſellſchaftliche Stellung vor der Verfolgung durch die Gerichte ſchützte, ein Ende zu ſetzen, lockten ihn in ihr Kloſter, wo er bald darauf verſchwand. Dem Volke gegenüber verbreiteten ſie aber das Gerücht, Don Juan ſei von der Statue, die er noch im Tode in der Grabkapelle beleidigt habe, in die Hölle entführt worden. Dies der Kern der Sage, die Tirſo in ſeinemEl burlador de Sevilla behandelt. Nun hat aber der Lokalpatriotismus der Sevillaner neben jenem Don Juan Tenorio eine andere, und zwar eine mit der Geſchichte der Stadt aufs innigſte verwachſene hiſttoriſche Perſönlichkeit in die Don Juan⸗ſage hereingezogen. Es iſt dies Don Miguel de Manara,(nicht Marana, wie der Name häufig zu leſen iſt) der Stifter des Hoſpitals und der Kirche de la Caridad in Sevilla, die noch heute durch ihre klaſſiſchen Gemälde zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört. Freilich über den argen Anachronismus, daß Tirſos Drama bereits vollendet, als Don Miguel kaum geboren war, ſah man dabei hinaus. Die unleugbare Gemeinſamkeit einiger Charakterzüge, vor allem der oben erwähnten, dem Don Juan⸗Typus weſentlichen, genügte, um eine poetiſche Erinnerung aus früherer Zeit an eine ſpäter lebende, hiſtoriſche Perſönlichkeit in willkürlicher Weiſe anzulehnen. Und dieſe Verwechſelung iſt ſeitdem in die Litteraturgeſchichte übergegangen, wo Don Miguel häufig als

¹) Coleccion de piezas escogidas de Lope de Vega etc. etc. por Don Eugenio de Ochoa. Paris. 1872. Einleitung zuEl burlador de Sevilla..

Progr. des Großh. Gymnaſiums zu Bensheim Nr. 619.

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