Aufsatz 
Ein Beitrag zur Don Juan-Literatur / von O. Schädel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2 Prototyp des Don Juan figuriert. Übrigens iſt das Leben Don Miguels an und für ſich intereſſant genug, um eine kurze Skizze desſelben zu rechtfertigen. Wir werden dabei ſehen, daß, wo der Don Juan der Sage endet, erſt das wahre Leben jenes Don Miguel beginnt: Der eine ging über ſeinem tollen Treiben elend zu Grunde, der andere erhob ſich aus ihm zu einem der Liebe und der Demut gewidmeten Leben.

Don Miguel wurde im Jahre 1626 zu Sevilla geboren. ¹) Er gehörte einer altadligen Familie an, was ſchon aus der Thatſache geſchloſſen werden kann, daß er ein Ritter des Ordens von Calatrava war. Seine Jugend verlebte er, wie ſie ein junger Menſch, dem ſein Reichtum überall Zutritt ver⸗ ſchafften, eben verleben mochte. So folgte er, wie erzählt wird, auch einmal einer Dame, deren Schönheit ihm aufgefallen, bis in die Kathedrale. Als er ihr dort endlich ungeduldig zurief:Verfluchtes Gebild, warum wendeſt Du Dich nicht? wandte ſich jene um und entgegen ſtarrte ihm ein Totenkopf. Offenbar das alte, dem Mittelalter ſo geläufige Bild der Frau Welt, das ſchon Konrad von Würzburg kennt und das Walter von der Vogelweide in den Worten wiedergibt:

Frau Welt, ich hab' zu lang euch eingeſogen, Mich zu entwöhnen iſt nun Zeit.

Dein Liebesblick hat mich getrogen,

Er, der ſo ſüße Freud verleiht. Als ich dir recht ins Aug' geſehen,

Da war dein Anblick wundervoll, ich muß geſtehen; Doch ſcheußlich mir dein Anblick war,

Als deinen Rücken ich erſehn:

Ich muß dich ſchelten immerdar.

Dies war die erſte Mahnung zur Umkebhr. Ein andermal verirrte er ſich zu ſpäter Stunde in den Straßen Sevillas; da begegnet ihm ein Leichenzug. Auf ſeine Frage nach dem Namen des Toten antwortet man ihm: Don Miguel de Manara. Dreimal wiederholt er die Frage und dreimal wird ihm dieſelbe Antwort zu teil. Als er ſich von ſeinem Schreck erholte, war die Viſion verſchwunden. Nach einer anderen Verſion, die nach Latour ebenfalls in Sevilla fortlebt, fand der Vorgang in einer Kirche ſtatt, wo ihn am nächſten Morgen der Küſter ohnmächtig, auf den ſteinernen Platten liegend fand. Noch zwei ſolcher Warnungen ergingen an ihn, ehe er durch einen letzten und furchtbaren Schlag zur Einkehr beſtimmt wurde. War ihm der Tod bisher nur in ſchreckhaften Bildern entgegengetreten, ſo trat er ihm jetzt in ſchrecklicher Wirklichkeit entgegen: Don Miguel verlor ſeine junge Frau.

Von da ab ſtand ſein Entſchluß feſt, fortab der Welt zu entſagen. Er bat nun um Aufnahme in eine Bruderſchaft, deren demütige Obliegenheiten in der Beerdigung der Armen, der Begleitung der armen Sünder auf ihrem letzten Gange und der Unterbringung der am Wege gefundenen Armen beſtand. Man denke ſich: Der Ritter von Calatrava, der flotteſte Cavalier der Stadt um Aufnahme in eine ſolche Bruderſchaft bettelnd und zwar vergeblich bettelnd, denn erſt nach einigem Zögern geſtattete man ihm den Eintritt. Man ſieht, mit dem Leichtſinn war ſein Stolz für immer zu Grabe getragen. Doch bereits nach einem Jahre wurde er an die Spitze der Bruderſchaft geſtellt, um dann bis zu ſeinem Tode in dieſer Stellung zu verharren. Er nahm ſich nun ſeines Amtes mit der ganzen ihm eigenen Energie an. Die Mittel zu den großartigen Werken chriſtlicher Nächſtenliebe, die er unternahm, wußte er ſich mit unglaublicher Findigkeit und Rührigkeit zu verſchaffen. Daß ſeine Erfolge Neider fanden, läßt ſich denken. Er aber ſchlug jede Aufforderung, ſich zu verteidigen, mit den Worten nieder:Die Wahrheit bedarf der Verteidigung durch Menſchen nicht, die doch alle Lügner ſind; ſie verteidigt ſich ſelbſt: Die Wahrheit iſt Gott. Dies kühne Gottvertrauen begleitete ihn bei allen ſeinen Unter⸗ nehmungen. So wählte er als Inſchrift des Complexes der an die Kirche ſich anſchließenden Stiftungen das ſtolze Wort, das noch heute dort prangt:Dies Haus wird ſtehen, ſo lange man Gott fürchten und den Armen Chriſti dienen wird. Wer hier eintritt, laſſe an der Schwelle von ſeiner Habſucht und von ſeinem Stolze ab. Nächſt dem Hoſpital beſchäftigte ihn am meiſten die Fürſorge für die dem Zerfalle nahe Kirche der Bruderſchaft. Mit welchem Erfolge, dafür mag die Thatſache ſprechen, daß er für ihre Herſtellung nicht weniger als eine halbe Million Dukaten zuſammenbrachte. Von allen dieſen

4) Vida de Don Miguel de Manara, escribiéöle el Padre Juan de Cardenas de la Compania de Jesus. Sevilla, 1874. Don M. de Manara par Antoine de Latour, Paris 1857. Latour, Etudes sur l'Espagne II p. 99 ff.